Wenn man über Raum spricht, so tut man das in der Regel sehr differenziert. Niemand würde auf die Idee kommen zu sagen: „ich brauche Raum“ oder „ich hab zu wenig Raum“. Man stellt sinnvollerweise einen konkreten Bezug her und spricht beispielsweise von der zu kleinen Wohnung oder davon, daß man mit dem Auto so oft im Stau steckt.
Im Bewußtsein der Menschen ist Raum nach meinen Erfahrungen entweder ein Begriff, der unendliche Größe verkörpert oder im Gegenteil einen begrenzenden Begriff darstellt. Territorien werden dagegen eher mit ordnenden Begriffen wie Stadt, Land, oder entsprechend der politischen Grenzen bestimmt.
In den Fällen von Sao Paolo und Buenos Aires wird häufig von dem Großraum bzw. der Region gesprochen werden. Die Grenzen dieser Städte sind nicht eindeutig zu ziehen bzw. stellen die Städte jeweils den Kern eines größeren Einzugsgebietes dar. Die tatsächliche funktionale Abhängigkeit des Hinterlandes ist dabei gar nicht so erheblich, wie die Konzentration der Bevölkerung an sich. (Vgl. Regionsdef.: Gebiet mit gleichem Potential, Einhard Schmidt-Kallert, Petra Stremplat-Platte in E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit, Nr. 3, März 2002, S. 79 – 81). Zudem kommt bestimmend hinzu, daß diese räumlichen Entitäten mehr oder weniger mit den regionalen politischen Verwaltungseinheiten zusammenfallen (Vgl. obige Quelle: Regionsdef.: ein traditioneller Herrschaftsraum oder eine Verwaltungseinheit eines politisch administrativen Systems).
Abgesehen davon, daß der Begriff Raum zu wenig differenziert ist um ihn universell zu gebrauchen, ist er auch noch abstrakt. Räume werden über Grenzen definiert, die sich aber mitunter nicht eindeutig bestimmen lassen oder subjektiv wahrgenommen werden. Der subjektive Raum wird auf Basis des physischen Raumes erlebt und entsteht durch individuelle Wahrnehmung im Kopf jedes einzelnen Menschen als bewertetes Vorstellungsbild seiner Umwelt (Begriff nach Christian Breßler, Martin Harsche, Einführung in die Kultur- und Sozialgeographie, http://userpage.fu-berlin.de/~bressler/geoskript/).
Nach Kevin Lynch (LYNCH, K.,1970, Das Bild der Stadt. Frankfurt) wird der Raum vereinfacht, verzerrt, gruppenspezifisch und in einfache Grundelemente gegliedert wahrgenommen. Solcherart entstehen sogenannte mental maps bzw. kognitive Karten. Diese Form der Relativraumkonzepte werde ich später im Zusammenhang mit Migration bzw. Raumüberwindung noch behandeln.
Spricht man zum Beispiel vom lateinamerikanischen Raum, ist zwar die Ausdehnung flächenmäßig gesehen eindeutig definierbar, aber die Vorstellung was diesen Raum bestimmt ist eine unterschiedliche, je nachdem, ob sich beispielsweise ein Europäer damit auseinandersetzt oder ein Südamerikaner.
Räume definieren sich auch über die Beziehungen zu benachbarten Räumen oder die Distanzen zu anderen Räumen. Typisch wären in diesem Zusammenhang die europäischen Grenzräume. Diese Gebilde sind Ergebnis der Randlage innerhalb ihrer Nationalstaaten und waren bis in die Neunzigerjahre vor allem gekennzeichnet durch fehlende Investitionen und Abwanderung. |