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Kultur, Raum, Landschaft. Fachseminar SS 2003 - Elke Mader und Ernst Halbmayer
 
Studierende des Interdisziplinären Lehrgangs für Höhere Lateinamerika Studien
Österreichisches Lateinamerika-Institut
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 up 2 Weltbild, Mythos und Schamanismus
 up 2.4 Zeit- und Raumkonzeption mehrer bäuerlicher Gemeinschaften der Nordanden - Bernadette Schiefer
 up 2.4.2 Das Heiß-Kalt-System der bäuerlichen Lebenswelt
 up 2.4.2.1 Der Lebenslauf eines Bauern

2.4.2.1.3 Mingas und Feste

Der Alltag wird durch die Landwirtschaft geprägt, Abwechslung bringen die vielen mingas, die veranstaltet werden, wenn größere Arbeiten anstehen. Dazu werden Verwandte und Nachbarn eingeladen, um mitzuhelfen, wobei sich der Gastgeber dazu verpflichtet, Maisbier (chicha) und Eintopf (sancocho) in großen Mengen bereitzustellen. Ebenso verpflichtet er sich bei den von den Geladenen veranstalteten mingas ebenso mitzuarbeiten. Dieses Prinzip folgt in den Zentralanden üblichen Prinzip der Reziprozität, der Gegenseitigkeit. So wie das Gleichgewicht der Gegensätze Grundprinzip allen Lebens ist, so ist das Gleichgewicht zwischen Geben und nehmen oberstes Prinzip einer jeden Beziehung. Gegenseitige Hilfe wird bei der Aussaat, Ernte, beim Dachdecken und Hausbauen und beim Ausrichten der Feste geleistet. Das Annehmen von oder das Bitten um Hilfe geschieht im festen Bewusstsein der unumgänglichen Rückgabe der erhaltenen Leistung. Reichtum und Erfolg muss einem zufallen, darf aber niemals erstrebt werden. Die Regel ist, niemals ehrgeizig zu sein, denn mit Ehrgeiz wird man sein Ziel erreichen bzw. es zerstören. Dazu gehört zum Beispiel, dass ein erfolgreicher Jäger weiß, dass dies nicht auf seiner Fähigkeit beruht, sondern er die Tiere, die er erlegt hat, von juca, dem Herrn über die Wildtiere, geschenkt bekommen hat. Ansammeln von Gütern und Geiz gilt als Verstoß gegen die Regeln der Gemeinschaft, Reichtum, wirtschaftlicher Erfolg und besonderer Erfolg beim anderen Geschlecht zieht Neid auf sich, und führt somit unmittelbar in die Gefahr des Schadenszaubers. Dem Schadenszauber werden die allerschwersten Krankheiten zugeschrieben. Schadenszauber erfordert den Kampf zwischen Heiler und Hexer. Dabei sind Tierverwandlungen möglich, z. Bsp. bevorzugen Heiler und Hexer gleichermaßen als Hund, Geier, Eule oder Fledermaus aufzutreten.

Eine typische Geschichte ist z.B. eine, in der ein Bauer durch Fleiß es zu Reichtum gebracht hat, geizig wurde, immer weniger seiner Bekannten zum Trinken einlud und einsam, bis zu schwer krank wurde. Er zog durch alle Heilsinstanzen, Medizinmännern bis zu Ärzten, und starb schließlich in Armut. Schadenszauber hilft, Werte und Normen über die Generationen und den Wandel der Zeit hinweg zu bewahren, denn wer von ihnen abweicht, wird früher oder später sein Opfer. Kleine Feste stellen auch der Gang zum wöchentlichen Markt da, Festtage werden mit besonders großem Aufwand betrieben, wo der Alkohol in großen Mengen fließt und Eifersuchtsdramen das Fest beherrschen. Auch die Gesellschaft braucht Reinigung in chaotischen Zeiten. Dies ist der Grund, warum bei den Dorffesten alle Regeln gesprengt werden müssen. Ein Sprichwort lautet: „tomo, picho y peleo“, ich trinke, habe ein Abenteuer mit einer fremden Frau, streite. Oft kommt es bei solchen Kämpfen um eine Frau auch zum Tod, nichts ehrt dabei die Weiblichkeit mehr. Vielerorts ist ein Fest ohne Tote, ohne Gefahr, kein Fest. Nach den Festen herrscht allgemeiner Kater. Die empfohlene Diät entspricht der Diät der Schwangeren und der Menstruierenden. Vielleicht könnte man sie daher als Menstruation der Gesellschaft bezeichnen, der Dreiklang von notwendiger Abkühlung, Erfrischung und Wiedergeburt.

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