Gehen wir davon aus, dass für eine demokratische Gesellschaft nicht nur die Freiheit zum Individualismus sondern insbesondere auch ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl der Gesellschaft – zumindest als nach außen hin abgrenzenden und nach innen einschließenden Faktor – die Vorbedingung für funktionierende demokratiepolitische Prozesse darstellt, folgt daraus, dass eine Fragmentierung der Gesellschaft direkten Einfluss auf die demokratischen Entwicklungen derselben haben muss.
Mit der Gesellschaft bewegt sich ihr Handeln und Denken hin zu einem Aufbrechen von Interessensunterschieden und Ungleichheiten. Parallel zu den oft zitierten Angleichungen und Anpassungen verschiedenster Kulturen im 20. Jahrhundert ist eine solche Fragmentierung derzeit auf globaler Ebene im Gange, als Folge (aber auch Basis) der sogenannten Globalisierung.
Die Ursachen dafür lassen sich nicht auf einige wenige reduzieren. Wohl aber wird den Neuen Medien und ihrer Art der kurzlebigen Informationen dabei eine besondere Bedeutung beigemessen, und das im positiven wie im negativen Sinne. Während die Neuen Informations- und Kommunikationstechnologien (NICT) für eine Individualisierung in der Bedürfnisorientierung nach Information ermöglichen, spalten sie gleichzeitig die Gesellschaft. In der Politik wird das bisher nur teilweise berücksichtigt. Eine Veränderung in den demokratie-politischen Prozessen an sich ist allerdings bereits deutlich geworden, obwohl von Vielen noch zu unbemerkt geblieben, um ein politisches Agieren nach sich zu ziehen.
Das gilt für Europa ebenso wie für Lateinamerika; in beiden Fällen reagieren die einzelnen Regierungen und Parteien sowie Gewerkschaften erst langsam und behäbig. Im Falle Ecuadors ist die Website des Parlaments sogar wieder vom Netz genommen worden.
Es scheint, dass die Neuartigkeit dieser Herausforderungen an die Politik speziell von “der Politik” und ihren AkteurInnen noch nicht ergriffen wird, da die älteren Strukturen politischer Prozesse und Haltungen noch zu dominant sind. Das hat wenig mit Verständnis oder Unverständnis gemein, sondern bezieht sich auf das Be-Greifen als Akt des In-die-Hand-Nehmens. Neu entstehende Chancen und Herausforderungen werden als Nebenbei-Geschäft betrachtet.
Dabei wird dem Internet bzw. den Neuen Medien nachgesagt dazu beitragen zu können, die Menschen in den Ländern des Südens der Welt zu ermächtigen, ihre eigene "aufholende Entwicklung" voranzutreiben und damit ihre Staaten in dieser Bestrebung zu unterstützen. Obwohl sich diese waghalsige These nie verifizieren ließ, scheint eine gewisse Euphorie weiterzubestehen. Insbesondere große Internationale Organisationen, wie die Unterorganisationen der Vereinten Nationen, organisieren Konferenzen und Projekte in großem Maße, um diese Tendenz voranzutreiben (vgl. World Summit). Das alte Entwicklungsparadigma wird dabei anscheinend nicht mehr hinterfragt, weil es in einen anderen Kontext, wie dem Kampf gegen den Brain-Drain gestellt wird.
Dass damit wirtschaftliche Interessen verbunden sind, scheint verständlich. Die transnationalen Konzerne hoffen auf neue Gewinnchancen.
Lateinamerika stellt als Nachbar Nordamerikas ein geeignetes Versuchsfeld dazu dar. Bill Gates etwa, der den Markt im Süden als den Hoffnungsmarkt für die Zukunft sieht, dürfte dabei in die richtigen Schichten investieren, indem er Kindern und Jugendlichen den Zugang zu diesen Technologien ermöglicht und zahllose Kurse sponsert, indem die Jugendlichen mit der Internet-Nutzung vertraut gemacht werden.
Ursächlich damit verbunden ist die Kreation von Bedürfnissen: der eigene Computer wird zum Wunsch, zum Ziel, in Gedanken zur Selbstverständlichkeit. Im besten Falle wird eine ganze Region mit Produkten von Microsoft gesponsert und setzt damit Maßstäbe in Richtung Kompatibilität. |