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Mythen in Lateinamerika
Ethnologische Mythenforschung
Univ. Doz. Dr. Elke Mader
Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie
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 up 7 Motive und Motiv-Vergleiche
 up 7.1 Vergleichs- und Verbreitungsstudien
 up 7.1.2 Franz Boas zur Verbreitung von Mythen

7.1.2.1 Kulturzentren und Mythen

Objekte indianischer Kulturen an der NW-Küste Nordamerikas

Bei seinen Verbreitungsstudien geht Franz Boas generell von folgender Annahme aus: Das Vorkommen einer Geschichte (Mythe), welche dieselben Elemente umfasst, in zwei verschiedenen Regionen lässt auf einen gemeinsamen Ursprung der Erzählung und ihre entsprechende Verbreitung schließen. Ferner postuliert Boas „kulturelle Zentren“ , die eine besonders große Dichte von kulturellen und künstlerischen Ausdruckformen hervorgebracht haben (der Schwerpunkt seiner Untersuchungen liegt an der Nord-Westküste Nordamerikas).

Von solchen Zonen ausgehend verbreiten sich Mythen durch Weitererzählen und Reisende in benachbarte Regionen, wobei seine These lautet, dass die kontinuierliche Präsenz von analogen Erzählungen ausschließlich in einer Region auf die Verbreitung dieser Mythen von einem einzigen Zentrum aus schließen lässt. Auf ihren Wanderungen werden die Erzählungen oft vereinfacht, sie verlieren einige ihrer Elemente, andere Elemente werden in die Geschichten integriert, wobei er annimmt dass einzelne Episoden der Mythen dabei ihren ursprünglichen Sinn verlieren (1949b/1896, Boas 1949a/189). In diesem Sinn beschäftig sich Boas auch mit Veränderungen und Transformationen der Mythen.

Diese Thesen gelten auch für die Geschichten weiter und weniger systematisch über die kulturelle Landschaft verteilt sind, wie etwa eine Flutmythe, die über weite Regionen Nordamerika hinweg von vielen lokalen Kulturen erzählt wird:

Around the Great lakes we find a deluge legend: A number of animals escaped in a canoe or raft, and several of them dived to the bottom of the water in order to bring up the land. The first attempt was in vain, but finally muskrat succeeded in bringing up a little mud, which was expanded by magic and formed the earth. (Boas 1949/ 1891: 439)

Durch vergleichende Studien kommt Boas zu dem Schluß, das diese Mythe und ihre Variationen von der Küste ins Landesinnere verbreitet wurde. In verschiedenen Untersuchungen dieser Art stellt er fest, dass jede Gruppe von Mythen eine bestimmte Ursprungsregion zugeordnet werden kann und sich von dort über gewisse Zonen des amerikanischen Kontinents verbreitet hat.

Objekte indianischer Kulturen der NW-Küste Nordamerikas

In Bezug auf die vergleichende Methodik, mit welcher die Verbreitung von Motiven und Mythentypen untersucht wird, verweist Boas auf die Notwendigkeit, die bestehenden Ansätze zu verfeinern: Nicht nur die Art der Mythen-Elemente, sondern auch ihre logische Verbindung untereinander muss dabei in Betracht gezogen werden (Boas 1949a/189: 438). In diesem Sinne spricht er einige Aspekte der strukturalen Theorie des Mythos an, wie sie später von Claude Lévi-Strauss formuliert wurde.

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