Motiv-Vergleiche werden in Zusammenhang mit verschiedene Theorien und Fragestellungen angestellt und wurden bereits von den Naturmythologen als wichtiges methodisches und analytisches Instrument eingesetzt. In Bezug auf die indianische Mythologie Südamerikas gilt dabei besonderes Interesse weit verbreiteten Motiven wie den Zwillingsmythen, den Flutmythen sowie Erzählungen über die wundersame Geburt eines Gottes oder Helden.
Die wichtigste frühe Arbeit zur vergleichenden Forschung stammt von Paul Ehrenreich, der zum ersten Mal auf die erstaunlichen Ähnlichkeiten der indianischen Mythen von Nord- und Südamerika hinwies (Ehrenreich 1905). Bereits sechs Jahrzehnte vor Claude Lévi-Strauss und seinem Konzept der Transformationen machte er die Beobachtung, das diese Mythen einen großen „organischen Zusammenhang“ darstellen (vgl. Oppitz 1993: 187-190).
Viele motiv-vergleichende Studien in Lateinamerika standen in Zusammenhang mit dem Interesse an der Verbreitung von bestimmten Kulturmerkmalen und dem Erstellen von Kulturarealen (culture areas) im Sinne von Franz Boas, Clark Wissler und Julian Steward. Alfred Métraux, der auch maßgeblich an der Erstellung des Handbook of South American Indians (Steward 1948) beteiligt war, führte vergleichende Studien in Bezug auf verschiedene Motive der indianischen Mythologien durch. Er beschäftigte sich in diesem Rahmen mit den Zwillingshelden (twin heros), der wundersamen Geburt, kosmogonische Motive, sowie mit den Charakteristika von Schöpfergestalten und Kulturheroen (z.B. Metraux 1946). Herbert Baldus untersuchte ausgewählte Motive aus den Erzähltraditionen über ethnische Grenzen hinweg und versuchte ihre regionale Verbreitung zu erfassen (z.B. Baldus 1932). Pessoa beschäftigte sich mit den Charakteristika und der Verbreitung von Flutmythen (Pessoa 1950).
Neuere Beiträge zu Verbreitungsstudien liefert John Bierhorst, der „mythologische Regionen“ für Nord- und Südamerika erstellt (Bierhorst 1988). |