Aufbauend auf Antti Aarne und andere Vertreter der „finnischen“ oder „historisch-geographischen Schule“ entwickelte der Vertreter der folklore studiesStith Tompson eine spezifische Methode, die in Zusammenhang mit den sechs Bänden seines "Motiv-Index of Folk-Literature" steht (Thompson 1955).
Die Methode besteht aus folgenden Arbeitsphasen (vgl. Oppitz 1993: 181-182): Thompson zergliedert die Erzählung zunächst in Motive und Episoden und stellt daraufhin bestimmte Motivgruppen zusammen. Einige davon sind: Tiermotive, Tabus, Magie, Rückkehr der Toten, Wunder, Ungeheuer, Prüfungen und Tests, der Weise und der Narr etc. Thompson überträgt in der Folge die Verteilung der Motive auf eine Verteilungskarte, errechnet ihre Frequenz und schafft für jeden Mythos und seine Varianten eine aus einem Mittelwert erstellte Geschichte. Eine verwandte Methodik wurde bereits - mit einer anderen Zielsetzung - zur Konstruktion der Urform von Mythen (z.B. von der naturmythologischen Schule) verwendet.
Für Thompson ist die „Durchschnittsmythe“ - eine Form von Prototyp - für ein bestimmtes Gebiet mehr oder weniger als Referenztypus verbindlich. Einen solchen Prototyp konstruiert etwa auch Bierhorst für die Zwillingsmythen des südamerikanischen Tieflandes (Bierhorst 1988:12), der auch Verbreitungskarten von Motiven der indianischen Mythologie erstellt.
Ziel dieser Methode ist u.a. „eine Naturgeschichte der mythischen Erzählung“ zu rekonstruieren (Oppitz 1993: 182), wobei von Varianten einer Geschichte in der Gegenwart auf frühere Formen und den historischen Prozess ihrer Verbreitung geschlossen wird. Solche Schlussfolgerungen gelten heute als wenig relevant und spekulativ, wenngleich die Verbreitung von Motiven und Erzählungstypen im (u.a. in Lateinamerika) weiterhin ein interessantes Forschungsfeld darstellt. |