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Mythen in Lateinamerika
Ethnologische Mythenforschung
Univ. Doz. Dr. Elke Mader
Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie
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 up 11 Das Eigene und das Fremde im Mythos
 up 11.2 Grenzen und Grenzüberschreitungen

11.2.1 Beispiel: Der Shuar und die Wildschweine

Halsbandpeccari (

"Schon unsere Vorfahren erzählten die Mythe von einen Shuar, der eine Wildschweinfrau heiratete. Die Shuar lebten immer von der Jagd, sie stellten vielen Tieren nach. Eines Tages zog ein Shuar mit seinem Blasrohr und seinen kostbaren Giftpfeilen auf die Jagd, er schlich lautlos durch den Wald, um irgendein Wild zu erlegen. Als er so dahinging bemerkte er Wildschweinspuren. Hier waren vor kurzem Peccari vorbeigekommen, die Spuren waren noch ganz frisch. So folgte er dem Pfad der Wildschweine. Er ging weiter und weiter und kam zu einer kleinen Lichtung an der pumpu-Blätter, in denen man Speisen zubereitet, wuchsen. Da sah er eine junge schöne Frau, die gerade Blätter sammelte.

Als sie den Shuar bemerkte, fragte sie ihn: "Wer bist du? Was willst du hier?" Da antwortete er: "Ich folge den Spuren der Wildschweine." "Dann bist du schon an deinem Ziel," sagte die Frau, "wir sind die Wildschweinleute, wir sind Wildschweine aber wir sind auch Personen und haben Menschengestalt!" Der Shuar war ganz verliebt in die junge Frau, doch sie wehrte seine Annäherungsversuche ab. "Ich bin verheiratet, ich kann nicht länger bei dir bleiben. Aber ich habe eine Schwester, die werde ich zu dir schicken, mit ihr kannst du plaudern. Warte hier auf sie!" So sandte die Frau ihre Schwester zu diesem Mann, und er begehrte sie sehr. "Ich möchte mit dir sein, ich möchte ein Teil von dir werden!" Das waren seine Worte. Da nahm ihn das Mädchen mit und brachte ihn in das Haus ihres Vaters, wo der Shuar um sie anhalten mußte. Er wurde gut aufgenommen und nach einem langen Gespräch mit dem Hausherrn konnte er bei dem Mädchen bleiben. So heiratete der Shuar die Wildschweinfrau. Er lebte im Haus seines Schwiegervaters und lernte das Leben der Paki kennen. Er lernte, wie sie sich ernährten, was sie aßen. Wildschweine fressen Käfer und Ungeziefer in fauligen Früchten, doch in den Augen des Shuar verwandelten sich diese Dinge in schmackhafte Kartoffel. Er konnte nicht erkennen, daß er eigentlich verdorbenes Zeug und Ungeziefer aß. Er lebte wie ein Wildschwein, er aß dieselbe Nahrung, und legte sich mit ihnen zum Schlafen nieder. Die Paki hatten auch ein Feuer, um sich in der Nacht zu wärmen, und es heißt, dieses Feuer entzündeten sie mit ihrem Anus, der in der Nacht wie ein Herdfeuer leuchtete. So geschah es auch, daß sich der Shuar eines Nachts dem Hinterteil seines Schwiegervaters näherte, um sich daran zu wärmen. Er verwechselte ihn mit der Feuerstelle! Da sprach der Alte, der Herr der Wildschweine, zu seiner Tochter: "Kümmere dich besser um deinen Mann, damit er nicht in der Nacht frierend umherirrt und andere belästigt. Halte ihn warm und mach ihm jede Freude!"

So lebte der Shuar mit den Wildschweinen und zog mit ihnen durch die Wälder, angeführt von seinem Schwiegervater. Langsam begann sich seine Gestalt zu verändern, auf seinem Körper wuchsen Borsten und sein Penis sah beinahe so aus, wie der eines wilden Ebers.

Zeichnung: Der Shuar und die Wildschweine

Der Jäger wurde bald von seinen Verwandten vermisst. Sie stellten Suchtrupps zusammen und zogen mit ihren Jagdhunden durch den Wald. Seine Brüder und Nachbarn waren sehr besorgt. Was könnte ihm zugestoßen sein? Hat er sich verirrt? Hat ihn ein Jaguar zerfleischt oder eine Schlange gebissen? So machten sie sich auf die Suche; einige Männer wollten auch mit ihren Hunden Wildschweine jagen.

In dieser Nacht hatte der Schwiegervater, der Herr der Wildschweine, einen unheilvollen Traum. Er träumte, seine Leute würden angegriffen und verfolgt, aber er sah im Traum auch einen Mann, der die Wildschweine mutig verteidigte. Dieser Mann tötete die wilden Tiere, die mit den Angreifern kamen, ihm war es zu verdanken, dass sie nicht alle starben.

In der Morgendämmerung rief der Schwiegervater seine Leute zusammen und sprach über seinen Traum. Zu seinem Schwiegersohn sagte er: "Wenn dich die Feinde fangen und du mit ihnen lebst, so werden sie uns jagen und töten, aber du sollst nie von unserem Fleisch essen. Du sollst immer daran denken, damit du nicht deine Schwiegermutter, deine Frau oder deine Schwäger verspeist!"

Am nächsten Tag griffen die Jäger die Wildschweine an. Sie umzingelten die Herde mit ihren Hunden, da bemerkten sie zwischen den Wildschweinen den Shuar, der wild um sich schlug. Sie erkannten zwar sein Gesicht, doch aus seinem Mund kamen keine menschlichen Laute, nur lautes Grunzen. Mit Gewalt mußten sie ihn nach Hause schleppen, er hatte sich schon beinahe in ein Wildschwein verwandelt, er hatte seine Sprache vergessen. Dort wuschen sie ihn sorgfältig. Langsam gewöhnte er sich wieder an das menschliche Leben, und erzählte allen, was er erlebt hatte. Wenn die Jäger Wildschweine erlegten, so nannte er ihre Namen und sagte: "Das ist meine Schwiegermutter, das ist mein Schwiegervater! Esst nur, ich werde nicht davon essen!" Eines Tages brachten die Männer wieder ein Wildschwein von der Jagd zurück, da sprach er traurig: "Das ist meine Frau, ich werde nicht essen!"

So wird die Mythe über den Shuar, der mit den Wildschweinen lebte, erzählt. Er entdeckte ihre Lebensweise, all ihre Instinkte kannte er, die ganze Welt dieser Tiere. Er erzählte er den anderen über die Gebräuche der Wildschweine, und die Shuar wurden ausgezeichnete Jäger. Sie lernten auch, dass man die Wildschweine aus einiger Distanz riechen kann und so ihre Spur leichter findet. Doch der Shuar wäre beinahe selbst zum Wildschwein geworden und hätte für den Rest seines Lebens als Wildschwein gelebt. Das ist die Mythe vom Shuar und den Wildschweinen."

 down 11.2.1.1 Der Jäger im Wald
 down 11.2.1.2 Nahrung und Geschlecht
 down 11.2.1.3 Wir und die Anderen
 down 11.2.1.4 Mensch und Tier
 down 11.2.1.5 Perspektivismus
 down 11.2.1.6 Multinaturalismus
 down 11.2.1.7 Kontinuität und Diskontinuität
 down 11.2.1.8 Harmonie und Konflikt
 down 11.2.1.9 Nähe und Distanz
 down 11.2.1.10 Nahrung, Jagd und Krieg
 down 11.2.1.11 Allianz und Feindschaft
 down 11.2.1.12 Die Moral von der Geschichte
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