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Mythen in Lateinamerika
Ethnologische Mythenforschung
Univ. Doz. Dr. Elke Mader
Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie
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 up 11 Das Eigene und das Fremde im Mythos

11.1 Geschichten vom Anderssein

Edmundo Magaña und Peter Mason betonen die Eigenschaft von Mythen, Geschichten über Andere zu erzählen. Mythische Diskurse sind in vieler Hinsicht eine Selbstdarstellung einer Gesellschaft und ihrer Beziehungen zu ihrer Umwelt im weitesten Sinn. Die Mythen bilden in diesem Sinn ein Netz von Diskursen, das die Vorstellungen einer bestimmten Gesellschaft über sich und die Anderen zum Ausdruck bringt. In diesem Sinn stellen Mythen eine „Ethno-Ethnologie“, „Ethno-Zoologie“, „Ethno-Geographie“ oder „Ethno-Astronomie“ dar, d.h. sie reflektieren und tradieren das Wissen und die Imaginationen einer Gemeinschaft in diesen Bereichen (Magaña und Mason 1986).

Im Rahmen der mythischen Kosmologie, Geografie und Ethnologie kommt der Konstruktion des Bildes bzw. der Bilder von anderen Kulturen großer Stellenwert zu. Mythen (und oft auch andere Formen der Literatur) zeigen uns u.a. eine imaginäre Wirklichkeit, die sich in der Hauptsache auf das Andere bezieht. Edmundo Magaña und Peter Mason sprechen von einer "imaginären Ethnographie" die Gegenstand einer "Anthropologie des Imaginären" bilden: diese beschäftigt sich mit den ideologischen Konstrukten, die mit der Darstellung des Menschen verknüpft sind und keine offensichtliche empirische Verankerung haben (Magaña und Mason 1986: 14).

Emanuele Amodio spricht von einer „außergewöhnlichen Geographie“: Bei der Wahrnehmung anderer Landschaften und Kulturen verschmilzt der gedankliche Raum, gestaltet durch Zeichen und Symbole, mit dem physischen Raum. Wie Emanuele Amodio es ausdrückt, ist in Amerika - und natürlich auch anderswo - die „empirische Geographie“ mit einer „außergewöhnlichen Geographie“ (geografía diferente de tipo extraordinario) verflochten. Letztere beruht auf Geschichte und Geschichten, also auf historischen Ereignissen und Erfahrungen sowie auf Mythen und Imaginationen. Die „außergewöhnliche Geographie“ semiotisiert den Raum, sie belegt ihn mit Zeichen und Sinn. Bei der Konfrontation mit dem Neuen, etwa mit einer „Neuen Welt“, werden die Zeichen bereits vorhandenen Bedeutungssystemen entnommen und auf eine "Neue Welt" übertragen (Amodio 1993:18).

In diesem Kontext sind die Zuschreibungen und Bewertungen von bestimmten Eigenschaften der Anderen (Menschen, Kulturen) von besonderem Interesse: Im Zuge der Begegnung und/oder Konfrontation von verschiedenen Gemeinschaften oder Kulturen wird der Andere oft gemäß der (mythischen) Ethnologie einer bestimmten Kategorie von Wesen zugeordnet. Ein breites Forschungsfeld zu dieser Thematik bilden die Begegnungen von Menschen und Imaginationen am amerikanischen Kontinent im Rahmen der „Entdeckung“ und Eroberung der „Neuen Welt“ (vgl. u.a. Mader 2002). Dies betrifft die europäischen Imaginationen über die Anderen, die großen Einfluß auf das Bild der Indianer hatten, aber auch das Bild der Weißen in der indianischen Mythologie. So bezeichnet z.B. der Jesuit Arlet die Indigenen als Wilde, die er mit Tieren gleichsetzt, da sie nackt gehen und keine Kultur haben; die Indigenen wiederum nehmen den Pater, der hoch zu Ross erscheint, zunächst als Monster wahr, als eine Art Ungeheuer, das teilweise mit dem Pferd verschmolzen ist (Magaña und Mason 1986: 14).

 down 11.1.1 Das Bild der Wilden in Europa
 down 11.1.2 Monster und Wilde in der indianischen Mythologie
 down 11.1.3 Das Bild der Weißen in der Mytholgie des Amazonasgebiets
 down 11.1.4 Das Bild der Wilden und der koloniale Blick
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