„In vielen Fällen spiegelt der Mythos direkt die Realität, aus der er seinen Stoff entleiht: Er wird ihr Doppelgänger und Apologet. Er sagt auf ideologischem Podest in Worten noch einmal das, was in der Realität als Faktum bereits existiert. Auf sozialem und ökonomischen Sektor ist der wiederholende Mythos ein Resultat des Handelns, sein nachvollziehendes Sprachrohr. Zugleich ist er Determinante des Handelns: Als normative Kraft nimmt er zukünftiges Verhalten vorweg, das sich im Rahmen des Gehabten abspielt. Der Mythos kann aber auch andere Lösungen als die bekannten vorschlagen. Nicht selten widerspricht er der gelebten Realität. Bisweilen kehrt er diese sogar systematisch um: Er wird zur kritischen Instanz. Diese Kritik kann sich der Mythos erlauben, da er die Probleme der Gesellschaft auf symbolischer Ebene zu lösen versucht. Ohnehin wird die mythische Kritik immer auf verschlüsselte Weise ausgesprochen. ...
Die bejahenden und verweigernden Funktionen des Mythos schließen einander nicht aus. Ein einziger Mythos kann Impulse der Rechtfertigung ebenso abgeben wie solche der Kritik. Er bleibt politisch nach allen Seiten offen.“ (Oppitz 1993: 289) |