In der inkaischen Zeit (12.-15.Jh) bestand im Andenraum eine besonders große Vielfalt von Ausdrucksformen verbaler und darstellender Kunst. Die verschiedenen Formen der Quechua-Literatur wurden immer mündlich tradiert und bildeten einen integralen Bestandteil der komplexen oralen Kultur und des Wissensgefüges der inkaischen Gesellschaft. Die Texte wurden nicht wörtlich weiter- und wiedergegeben, sondern immer wieder neu gestaltet und interpretiert. Experten auf diesem Gebiet waren Philosophen amauta, Dichter, Darsteller und Interpreten, die auch für eine „Erneuerung der Sprache“ zuständig waren.
„Große Bedeutung kam in diesem Kontext auch der Mimik und der Körpersprache zu: Sie ist eng mit der Entstehung von Gedichten, Liedern und Erzählungen aus dem Alltag verflochten, deren Motive oft von Gesten und körperlichen Ausdrucksformen inspiriert wurden. So entstand eine Vielfalt von literarischen Formen. Ihre Blüte war die Zeit vor der Invasion der Spanier, doch einige konnten sogar bis in unsere Tage fortbestehen. Die spirituelle Dimension der Quechua-Literatur verweist schließlich auf ihren mythischen Ursprung: Die Quechua und ihre Kultur wurden aus einem Traum der Götter geboren.“ (Kowii 2001)
Der ecuadorianische Literat und Ethnologe Ariruma Kowii, dessen Muttersprache das Quechua ist, nennt folgende Gattungen, die sich in bezug auf ihre Form, ihren Inhalt und den Kontext ihrer Darbietung voneinander unterscheiden (Kowii 2001): |