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Mythen in Lateinamerika
Ethnologische Mythenforschung
Univ. Doz. Dr. Elke Mader
Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie
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 up 8 Die soziale Bedeutung von Mythen

8.3 Mythos als Begründungs- und Beglaubigungsrede: Die Kubanische Revolution

Mythen haben den Bestand der kubanischen Revolution begründet und bis heute gesichert - so die These von Fraucke Gewecke, die sich mit verschiedenen Dimensionen des Mythos in einem politischen Gefüge beschäftigt (Gewecke 1990). Sie geht dabei von einer soziologischen Definition des Mythos aus, die viele Parallelen zu den Theorien von Bronislaw Malinowski aufweist. Mythen versteht sie nicht als „Fabel“ oder „Fiktion“, wie es oft in unserer Gesellschaft der Fall ist, sie betont vielmehr ihre Funktion und Leistung in einem spezifischen gesellschaftlichen Kontext:

„Der Mythos begründet Sinnzusammenhänge von existentieller Bedeutung als absolute Wahrheiten und setzt oberste, als unverbrüchlich geltende transzendente Werte. Der Mythos leistet aber noch ein übriges: Er beglaubigt, in Anlehnung an ebendiese „heiligen“ Wahrheiten und Werte, Sachbezüge wie Institutionen und legitimiert oder sanktioniert hierarchische Strukturen ebenso wie ausgeübte Herrschaft; des weiteren orientiert er auf die Gegenwart und die Zukunft gerichtete Wünsche und Projektionen, motiviert und lenkt Handeln bei Individuum und Kollektiv.“ (Gewecke 1990: 75)

Im Gegensatz zu Malinowski, der seine Mythentheorie für eine „primitive Gesellschaft“ formuliert, lehnt Gewecke die Konstruktion eines Gegensatzes zwischen archaischen Gesellschaften oder Kulturen, die einem „prälogischen“ bzw. „mythischen Denken“ verpflichtet sind, und modernen Gesellschaften, die Rationalität und ein „aufgeklärtes Bewusstsein“ kennzeichnet, ab. Mythen sind keine „ Residuen einer überwundenen Geisteshaltung“ sondern erfüllen in allen Gesellschaftsformen wichtige Funktionen:

„Die wichtigsten Funktionen des Mythos sind seine kommunikative und seine pragmatische Funktion: Kommunikativ wirkt er, indem er die Integration des Individuums in die Gemeinschaft und innerhalb der Gemeinschaft Identität, Kommunikation, Konsensbildung und Solidarisierung fördert; pragmatisch wirkt er, in dem er durch Bereitstellung und Perpetuierung von (abstrakten) Leit- und Modellvorstellungen und/oder (konkreten) Beispielen modellhaften Handelns das Individuum zu einem für die soziale Praxis als förderlich erachteten, d.h. auch gruppenkonformen Verhalten zu bewegen vermag.“ (Gewecke 1990: 75)

Moderne Nationalstaaten verfügen z.B. immer über eine nationale Mythologie, die aus einem System von Einzelmythen besteht, die im Verlauf historischer Prozesse verschiedene Funktionen erfüllen. Die Wirksamkeit solcher mythischer Erzählungen beruht auf denselben Prinzipien, die auch in sog. „primitiven Gesellschaften“ zur Geltung kommen und u.a. von Bronislaw Malinowski und Mircea Eliade dargelegt wurden.

„Damit der Mythos wirksam wird bzw. bleibt, bedarf es aber der beständigen bildhaften Erinnerung an seine sakralen Ursprünge. Dies mag geschehen durch das Setzen von Symbolen, in denen sich der Mythos zum sinnhaften Zeichen verdichtet; oder durch die mythische Rede bzw. Erzählung, in der Mythos und Symbol ihre Exegese und narrative Begründung erfahren; oder schließlich durch rituelle Praktiken, in denen die sakralen Ursprünge des Mythos durch Handlung unmittelbar vergegenwärtigt werden.“ (Gewecke 1990: 76)

 down 8.3.1 Mythen des Ursprungs: Revolution in der Geschichte und Geschichte der Revolution
 down 8.3.2 Die "Giganten" der Unabhängigkeitskriege
 down 8.3.3 Die mythische Zeit der Kubanischen Revolution
 down 8.3.4 Eschatologie und die Magie der Anfänge: Mythen und Riten der Erneuerung
 down 8.3.5 Ein eschatologischer Mythos: Guevara und der "neue" Mensch in einer "neuen" Gemeinschaft
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