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Mythen in Lateinamerika
Ethnologische Mythenforschung
Univ. Doz. Dr. Elke Mader
Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie
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 up 8 Die soziale Bedeutung von Mythen
 up 8.2 Raymond Firth - Mythen als soziale Ressource

8.2.1 Mythos, sozialer Status und Konflikt in Tikopia

Raymond Firthbeschäftigt sich in seiner klassischen Studie über Mythos und sozialen Status in Tikopia (Polynesien) mit Geschichten, die Geschichte erzählen: sie berichten über Herkunft und Abstammung von Häuptlingen und lineages (unilineare Verwandtschaftsgruppen) und über die Taten von Vorfahren. Eine ruhmreiche (mythische) Vergangenheit stellt hier eine wichtige soziale und politische Ressource in der Gegenwart dar (vgl. auch Mythos und Politik in Kuba). Die Mythen untermauern auch ökonomische und politische Ansprüche oder Macht, sie beziehen sich auf Landrechte, auf den Zugang zu ökonomischen Ressourcen und zu wichtigen Positionen im Ritual:

„The tales of the origins of lineages verifiy their authenticity, and link them in various ways with other lineages, with clan membership, and with a ritual system.“ (Firth 1968/1961: 173)

Das soziale und politische Gefüge in Tikopia, das in den Mythen begründet und legitimiert wird, ist weder statisch noch konfliktfrei. Zum einen erlangen im Zuge von historischen Ereignissen immer wieder andere Gruppen Machtpositionen auf der Insel, zum anderen bilden Konkurrenz und Konflikt zwischen verschiedenen Personen und Gruppen ein wichtiges Element der sozialen Dynamik. In diesen Prozessen spielen Mythen eine interessante Rolle: Ihre Inhalte werden je nach Situation den Absichten von Personen oder Gruppen angepasst. Das kann bedeuten, dass eine Gruppe während eines gewissen Zeitraums einen Teil einer Mythe auslässt oder ignoriert, da er im Moment nicht politisch opportun ist, dieselbe Geschichte jedoch zu einem anderen Zeitpunkt wieder aufgreift. Zum anderen existiert ein große Vielfalt von Erzählweisen, die bestimmte Interessen zum Ausdruck bringen.

„The result is no general body of agreed tales but a series of competing tales from which it is impossible to extract a coherent reality in the distant past. (...) Traditional tales may be not so much a reflection of social structure itself as of organisational pressures within the social structure.“ (Firth 1968/1961: 176, 178)

Die Mythen stellen demnach flexible Instrumente dar, die in sozialen und politischen Prozessen zum Einsatz kommen. Ihre Inhalte werden dabei nicht willkürlich erfunden, sondern es existiert eindeutig ein gemeinsamer „Kern“, der die Geschichten auch von jenen der Nachbarinseln unterscheidet. Ihre spezifische Erzählweise, die Betonung einzelner Inhaltelemente auf kosten anderer, ist jedoch durch spezifische historische und politische Kontexte geprägt, welche die Lebenswelt von ErzählerInnen und ihrem Publikum bestimmen. So dienen Mythen Individuen und Gruppen als Ressource für soziale Identität in einem dynamischen gesellschaftlichem Gefüge, das immer wieder Veränderungen unterworfen ist.

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