Seit dem 19. Jahrhundert werden verschiedene Texte bzw. Narrationen der Gattung „Volkserzählung“ (folk narrative) oder „traditioneller Erzählung“ (traditional narrative) zugeordnet. Innerhalb dieses Genres trafen die Brüder Grimm eine typologische Unterscheidung in bezug auf europäische Erzähltraditionen, und zwar zwischen Märchen, Mythe und Sage.
Diese Typologie wurde in der Folge von vielen WissenschafterInnen übernommen und modifiziert, z.B. von William Basom. Eine Unterscheidung in verschiedene Typen von Erzählungen wird aber keineswegs nur von der Wissenschaft getroffen, sondern viele Kulturen teilen ihre Erzähltraditionen in verschiedene Gattungen ein.
Daher ist grundsätzlich zwischen analytischen Kategorien (der Wissenschaft) und autochtonen Kategorien (der Gesellschaften, aus denen die Erzählungen stammen) zu unterscheiden (Dundes 1984: 5). Die Unterscheidungskriterien beziehen sich in beiden Fällen oft auf den Inhalt der Erzählungen, aber auch auf ihre Form oder einen spezifischen Kontext, in dem sie vorgetragen werden.
Die Anwendbarkeit dieser analytischen Kategorien auf die traditionellen Erzählungen außereuropäischer Gesellschaften wurde immer wieder diskutiert und stellt nach wie vor ein Problem dar, das sich einer einheitlichen Lösung entzieht (Dundes 1984: 5). |