Fragen nach dem Inhalt und der Funktion von Mythen in Hinblick auf ein spezifisches kulturelles und gesellschaftliches Gefüge bilden seit 100 Jahren einen Schwerpunkt der ethnologischen Mythenforschung. Die „soziologische Theorie des Mythos“ ist eng mit der britischen Sozialanthropologie verknüpft und steht in Zusammenhang mit der funktionalistischen bzw. struktural-funktionalistischen Theorienbildung (vgl. Georges 1968, Cohen 1969, Kohl 1992). Diese Betrachtungsweise gehen von dem Grundsatz aus, dass eine Gesellschaft eine organisierte, systematische und integrale Ganzheit darstellt, deren einzelne Teile funktional miteinander verbunden sind und zusammenwirken. Mythen bilden in diesem Sinn integrale Bestandteile des sozialen und kulturellen Gefüges einer Gemeinschaft, erfüllen bestimmte Funktionen und sind eng mit anderen Gesellschaftsbereichen verbunden.
Wichtige Impulse für die soziologische Theorie des Mythos setzte W.H.R. Rivers in seinem Essay „The Sociological Significance of Myth“: Am Beispiel der Aborigenes in Australien zeigt er Zusammenhänge zwischen Mythologie und Sozialstruktur auf und betont (River 1968). A.R.Radcliffe-Brown (Radcliffe Brown 1968), Bronislaw Malinowski (Malinowski 1922, 1948) und Raymond Firth (Firth 1968/1961), prominente Vertreter der britischen Sozialanthropologie, führten diese Tradition weiter und beschäftigten sich in ihren Arbeiten mit der sozialen und der religiösen Funktion von Mythen in tribalen Gesellschaften in Südostasien und Ozeanien (Radcliffe-Brown / Andamanen, Malinowski / Trobriand, Raymond Firth / Tikopia).
Die forschungsleitenden Fragen der Begründer der soziologischen Theorie des Mythos sind keineswegs nur von theoriegeschichtlichem Interesse, sondern stellen bis heute wichtige Themenfelder der ethnologischen Mythenforschung dar. Sie sind nicht auf die funktionalistische oder struktural-funktionalistische Schule beschränkt, sondern können in verschiedenen theoretischen Kontexten gestellt und bearbeitet werden.
Folgende Fragestellungen stehen im Mittelpunkt von Analysen zur sozialen Bedeutung von Mythen:
- Welche Verbindungen bestehen zwischen Mythos und sozialem Kontext? (Malinowski, Firth, Beispiel Shuar: Mader)
- Auf welche Weise legitimieren Mythen soziale Praktiken und religiöse Riten? (Malinowski)
- Wie tragen Mythen zum sozialen Prestige einzelner Personen oder Gruppen bei? (Firth)
- Welche Bedeutung haben Mythen für soziale Identität? (Firth, Beispiel Shuar: Mader)
- Welche Bedeutung haben Mythen für die Begründung politischer Konzepte? (Beispiel Kuba: Gewecke)
- Welchen Stellenwert haben Mythen in Bezug auf ökonomische Aktivitäten? (Beispiel Shuar: Mader, Beispiel Kuba: Gewecke)
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