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Mythen in Lateinamerika
Ethnologische Mythenforschung
Univ. Doz. Dr. Elke Mader
Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie
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 up 5 Märchen, Mythe, Sage - zur Typologie von Erzählungen

5.1 Anwendbarkeit von Typologien

Die Typologien wurden und werden immer wieder aus verschiedenen Gesichtspunkten kritisiert: Teilweise werden sie als zu eng befunden, um die Fülle an Typen von Erzählungen in verschiedenen Kulturen zu erfassen. Eine mögliche Lösung dieses Problems ist es, die Zahl der Typen zu erweitern. Ein solcher Versuch wurde von Hermann Baumann unternommen, der die Unterteilung in Mythe, Märchen, Sage zum einen stärker differenziert (er unterscheidet verschiedene Typen bzw. Aspekte von Mythen und Märchen) und zum anderen erweitert (z.B. um die ätiologische Erzählung, Legende, Epos etc.), wobei formale und inhaltliche Kriterien oft vermischt werden (Baumann 1959: 1-17).

Andere ForscherInnen zweifeln generell am Nutzen solcher Typologien, da sie sich oft schlecht auf die Erzähltraditionen anderer Kulturen anwenden lassen.

Einer der ersten Ethnologen, der die Sinnhaftigkeit einer solchen Unterscheidung in Frage stellte, war Franz Boas, der Begründer der Kulturanthropologie in den USA. In seiner Arbeit über Mythen und Märchen der indigenen Völker Nordamerikas beschäftig er sich u.a. mit Motiven und ihrer Verbreitung. Zur Anwendbarkeit europäischer Typologien schreibt er: Egal welche Kriterien zur Unterscheidung zwischen Mythen und Märchen herangezogen würden - sei es die Erklärung der Welt und der Entstehung der natürlichen Phänomene, sei es die Verbindung mit Ritual und religiösen Praktiken oder der Charakter der Handlungsträger - immer wird man feststellen, dass sich einzelne Elemente der unterschiedlichen Gattungen in ein und derselben Erzählung finden:

"In all these cases the same tales will have to be considered, in one case as myths, and in another as folk-tales, because they occur both in explanatory and non-explanatory forms, relating to personified animals or natural objects and to human beings, with ritualistic significance and without it." (Boas 1949c/1914: 454).

Der Versuch, die Erzählungen der nordamerikanischen Indianer diesen Gattungen zuzuordnen, erschien ihm nicht zielführend: "It goes without saying that in this way unnecessary difficulties are created." (Boas 1949c/1914: 454). Dasselbe gilt für die meisten indigenen und afro-amerikanischen Erzähltraditionen in Mittel- und Südamerika. Dieses Problem kommt auch in der oft willkürlichen und austauschbaren Verwendung des Begriffs Mythen, Märchen oder Sagen zur Bezeichnung der indianischen Erzählungen durch die einzelnen ForscherInnen zum Ausdruck. Auch die Akteure selbst, etwa die ErzählerInnen in indianischen Gemeinschaften, nehmen es nicht besonders genau, sondern übersetzen ihre autochtonen Bezeichnungen oft abwechselnd einmal mit mito (Mythe) und ein andermal mit cuento (Erzählung, Märchen). In der Folge wird generell der Begriff „Mythos“ als Arbeitsbegriff verwendet.

Interessanter erweist sich meist die Frage nach den autochtonen Kategorien bzw. nach jenen Kriterien, mit denen verschiedenen Gesellschaften ihre Erzählungen charakterisieren.

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