Der Trickster Guahayona überredet die Taino-Frauen, ihm in ein anderes Land zu folgen und dabei ihre Männer und Kinder zurückzulassen. Er verspricht, alle bald nachzuholen, doch er bricht sein Wort. So bleiben die Frauen alleine auf einer Insel, wo sie - so die MythenerzählerInnen der Taino zur Zeit von Kolumbus und Ramón Pané - immer noch leben. Frauen, die ohne Männer in eigenen Dörfern oder auf einer Inseln im Meer oder in einem großen Fluss leben, sind ein weit verbreitetes Motiv in Nordosten Südamerikas, besonders bei Karib-SprecherInnen (eine große indigene Sprachgruppe, die viele indianische Gesellschaften umfaßt - vor allem in Venezuela, den Guyana-Staaten und Brasilien).
So erzählen z.B. Mythen der Kalina und Xikrin von entlegenen Lichtungen im Wald oder von Inseln im Fluss, die ausschließlich von Frauen bewohnt werden. Die Frauen - aus verschiedenen Gründen der Männer überdrüssig - haben dort ihre eigene Gesellschaft errichtet, in der sie alle Arbeiten selbst erledigen und oft völlig autonom von den Männern leben. Die Unabhängigkeit vom anderen Geschlecht geht in einigen Mythen sehr weit: Die Frauen legen sich nackt in die Sonne oder in den Wind, und werden so von diesen Naturelementen befruchtet. In anderen Erzählweisen dürfen die Männer ab und zu die Frauen kurz besuchen und mit ihnen schlafen: Werden Kinder geboren, so erhalten die Männer die Knaben, die Mädchen bleiben bei den Frauen (Jara 1988, vgl. auch Magaña 1986, Koch-Grünberg 1921:90-93, Prinz 1999).
Solche Geschichten erinnerten die Europäer an die antike Mythologie über die Amazonen und nährten Vermutungen, dass in Amerika Amazonen (und andere außergewöhnliche Wesen und Monster) lebten (vgl. Kohl 1982, Prinz 1999, Mader 2002). |