Viele Mythensammlungen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammen von EthnologInnen, die sich meist nicht ausschließlich mit der Erzähltradition beschäftigten, sondern an umfassenden monographischen Studien zu verschiedene Ethnien und Kulturen arbeiteten. In der Zeit zwischen 1910 und 1950 lieferten z.B. die Arbeiten von den ethnologischen „Allroundern“ Curt Nimuendajú und Alfred Métraux wichtige Impulse für die Mythenforschung in Lateinamerika. Sie dokumentierten viele lokale Erzähltraditionen und analysierten die Mythen in ihrem religiösen und sozialen Kontext (Nimuendajú 1914, 1915, 1946, 1952; Métraux 1931, 1943, 1946a, b).
Die Arbeiten der EthnologInnen leisten zwar einen wichtigen Beitrag zur Dokumentation der Mythologie, werfen aber auch Probleme auf. Die Texte der Mythen und Erzählungen wurden im Vergleich zu heutigen Standards oft sehr mangelhaft aufgezeichnet - und nicht alle MythenforscherInnen teilen die Haltung von Claude Lévi-Strauss alle Fassungen einer Mythe seien so gut wie jede andere (um die relevanten Strukturen herauszuarbeiten) (Lévi-Strauss 1964, Oppitz 1993: 214, 295-297). So liegen die Mythentexte in sehr unterschiedlichen Formen vor: Während einige wenige den Text in der Originalsprache publizierten, liefern andere die Nacherzählung einer Übersetzung, wodurch den ÜbersetzerInnen und EthnologInnen eine aktive Rolle bei der Gestaltung des Textes zukommt. Sie haben somit an der „freien Tradition“ der Überlieferung teil, was natürlich auch zu Fehlern (z.B. Auslassungen) führen kann. Andererseits trugen gerade die kunstvollen Nacherzählungen wesentlich zur Rezeption indianischer Mythen in Europa bei.
Ein gutes Beispiel bildet das Buch „Indianermärchen aus Südamerika“ im Eugen Diederichs Verlag, in dem Theodor Koch Grünberg - aufbauend auf eigenen Mythensammlungen und solchen anderer Ethnologen - Mythen mehrere ethnischer Gruppen des Amazonasgebiet nacherzählte und herausgab, so z.B. die Mythe "Jaguar und Regen" der Taulipang (Koch-Grünberg 1921). Die Sprache der Nacherzählung orientiert sich dabei an europäischen Erzähltraditionen. Die Übersetzung und Nachdichtung von Mythen ist demnach ein transkulturelles Unterfangen, das Produkt ist multikulturell und ist das Ergebnis einer Interaktion zwischen mythmakers und EthnologInnen. |