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Mythen in Lateinamerika
Ethnologische Mythenforschung
Univ. Doz. Dr. Elke Mader
Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie
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 up 9 Mythos, Religion und Ritual
 up 9.2 Mythen und Agrarriten der Shuar
 up 9.2.2 Anent - Machtvolle Gesänge
 up 9.2.2.5 Beispiel: "Ich rufe die Früchte des Feldes"

9.2.2.5.3 Mythos, sozialer Status und weibliche Identität

Bier, bei den Shuar das wichtigste Produkt weiblicher Nahrungsproduktion

Der Besitz bzw. die Kenntnis von anent stellt eine Komponente der persönlichen Macht sowie ein Kriterium für soziales Ansehen dar und verschafft einer anéntin, einer Meisterin der Gesänge, Respekt und Anerkennung in ihrer Gemeinschaft. Frauen, die über eine umfangreiche Kenntnis von anent verfügen, gelten als gute Pflanzerinnen, deren Felder besonders hohe Erträge bringen. Diese Korrelation besteht nicht nur im Denken der Shuar, sondern wurde auch von westlichen Agrarexperten bestätigt, die diesen Umstand auf die Sorgfalt der anéntin bei der Feldarbeit und ihre umfassenderen Kenntnisse der traditionellen Anbautechniken zurückführen (Hans Caycedo Amador, Leiter der landwirtschaftlichen Entwicklungsprojekte der Federación Shuar-Achuar, 1994: persönliche Mitteilung).

Die Identifikation einer Frau mit der mythischen Núnkui, die u.a. über ihre Kenntnis von anent konstruiert wird, wird auf diese Weise zu einem sozialen und wirtschaftlichen Faktum, das die weibliche Lebenswelt maßgeblich beeinflusst. Dieses Wissen, das mit spiritueller Kraft gekoppelt ist, stellt ein differenzierendes Element zwischen Frauen dar, das aufs engste mit ihrer Rolle als Nahrungsspenderin und deren sozialer Bewertung verbunden ist.

Die Identität der Frau als Nahrungsspenderin bildet die wichtigste Komponente für ihren sozialen Status in dieser Gesellschaft. Sie geht Hand in Hand mit einem weiblichen Selbstverständnis als erfolgreiche Frau beim Bearbeiten einer ertragreichen Pflanzung, der Verarbeitung des Manioks zu Bier oder der Aufzucht von Schweinen und Geflügel und wird als eine soziale Verpflichtung im Rahmen der geschlechtlichen Aufgabenteilung, als weiblicher Beitrag zum "Guten Leben" (penker pujústin) einer Hausgemeinschaft, verstanden.

Frauen müssen im täglichen Leben in möglichst hohem Maß ihrer "Núnkui-Rolle" nachkommen, um sich Anerkennung und Respekt in ihren sozialen Umfeld zu verschaffen. Eine "Große Frau" ist nicht nur produktiv wie Núnkui, sie läßt auch ihren Mann und andere Mitglieder ihrer Hausgemeinschaft großzügig an dieser Produktivität teilhaben. Den Frauen obliegt sowohl die Distribution der von ihnen erwirtschafteten Nahrungsmittel, über die sie autonom verfügen, wie auch die Verteilung der Jagdbeute, die ihnen von den Männern übergeben wird. Wie Núnkui die hungernden Shuar der mythischen Zeit großzügig mit Nahrung versorgte, so sollen es ihr die Frauen heute gleichtun und ihre hungrigen Ehemänner gut versorgen (vgl. auch Mader 2001).

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