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Mythen in Lateinamerika
Ethnologische Mythenforschung
Univ. Doz. Dr. Elke Mader
Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie
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 up 4 Der Lernprozess: Die Erforschung der Mythen in indianischen Kulturen
 up 4.1 Phasen der Forschungsgeschichte
 up 4.1.1 Missionare und Chronisten

4.1.1.1 Die ersten dokumentierten Mythen in Amerika

Der erste europäische Mythensammler in Amerika war Frater Ramón Pané. Seine Dokumentation der Mythologie der Taino, einer ethnischen Gruppe der indianischen Bevölkerung der Antillen zur Zeit der Conquista, erscheint in seinem Bericht Relación acerca de las antigüedades de los indios" (Pané 1498/1974). Sie umfaßt verschiedene Erzählungen zur Entstehung der Welt, dem Ursprung der Menschen und den Taten von Kulturheroen. Pané ist manchmal von der Struktur der Erzählungen verwirrt und skeptisch, ob er die Mythen korrekt aufzeichnet. Er bemüht sich dabei um große ethnographische Genauigkeit:

„Und da sie weder Buchstaben noch Schrift kennen, wissen sie auch diese Fabeln nicht gut zu erzählen, und ich kann sie nicht richtig aufschreiben. Denn ich habe den Eindruck, dass ich Dinge an den Anfang stelle, die eigentlich ans Ende gehören und das Ende zu Anfang erzähle. Aber alles, was ich schreibe, haben sie mir so erzählt, ich schreibe es genauso nieder wie ich es von den Einheimischen gehört und verstanden habe.“ (Pané 1498/1974:26)

Pané verweist auch auf die „freie Tradition“ der mythischen Überlieferung, eine Eigenschaft vieler indianischer Erzähltraditionen, die bis heute einen wichtigen Punkt ethnologischer Reflexionen bildet (vgl. z.B. Münzel 1992). Dabei zeigt er Befremden über die verschiedenen Variationen, die er von den Mythen hört. Er führt diese Abweichungen auf Fehler in der Überlieferung zurück, wobei er wiederum das Fehlen von Schrift beklagt:

„Und da sie jaweder Buchstaben noch Schrifthaben, können sie (die Mythen) nicht genau so erzählen, wie sie es von ihren Vorfahren gehört haben, und deshalb stimmen ihre Erzählungen nicht überein, und man kann auch nicht ordentlich aufschreiben, von was sie eigentlich handeln.“ (Pané 1498/1974:24)

Retrospektive ergeben die Aufzeichnungen von Pané sehr wohl Sinn und stellen - trotz ihres fragmentarischen Charakters - eine wertvolle ethnologische Quelle dar. So finden sich z.B. in der Mythologie der Taino mehrere Motive und Konzepte, die charakteristisch für die indigenen Mythologien und Weltbilder in Amerika sind.

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