Im Zuge von Conquista und Kolonialzeit zeigten vor allem Missionare und Regierungsbeamte Interesse an der Kultur und den Mythen der indianischen Völker. Die ersten Mythen, die ein Europäer in Amerika aufzeichnete, stammen von den Taino der Insel Hispanola (Haiti). Frater Ramon Pané dokumentierte sie im Auftrag von Christoph Kolumbus gemeinsam mit anderen Informationen über die Glaubenswelt der Taino-Indianer.
Oft galt das Interesse an den Mythen in erster Linie ihrer Vernichtung, da sie als „Teufelwerk“ und als Ausdruck „heidnischer Götzenanbeterei“ betrachtet wurden. In Mittelamerika führte diese Haltung zur Vernichtung (Verbrennung) eines Großteils der altamerikanischen Schriften (Kodizes). In anderen Regionen gab es nichts zu verbrennen, da die mythischen Traditionen mündlich überliefert wurden (z.B. in ganz Südamerika). Hier wurde in vielen Regionen die Überlieferung durch die generelle Zerstörung der kulturellen und sozialen Strukturen schwer beeinträchtigt.
Missionare und Regierungsbeamte dokumentierten und kommentierten auch Mythen und andere Aspekte der lokalen Kulturen, die entsprechenden Chroniken und Berichte (relaciones) wurden in der Folge an übergeordnete Stellen von Staat und Kirche weitergeleitet. Diese Berichterstattung setzte sich während der gesamten Kolonialzeit fort. Die Kommentare zu den Mythen waren meist von der christlichen Weltsicht, der Verteufelung der einheimischen Religion und kolonialpolitischen Interessen geprägt. |