Das Verhältnis zwischen dem Shuar und der Wildschweinfrau wird ausdrücklich als rechtmäßige, eheliche Beziehung dargestellt, wobei eine weitere Differenz in den mythischen Diskurs eingeführt wird, nämlich jene zwischen richtiger und falscher, legitimer und illegitimer Sexualität. Diese Unterscheidung wird gleich bei der ersten Begegnung getroffen und durch die Verdopplung der Figur der Wildschweinfrau in eine verheiratete und eine unverheiratete Schwester unterstrichen. Sie verdichtet den Diskurs über die Differenz zwischen harmonisch/friedlichen und konflikthaft/aggressiven Beziehungen. Legitime sexuelle Beziehungen (Ehen) etablieren starke soziale Bindungen, die nicht nur die EhepartnerInnen, sondern eine größere Gruppe von Personen in ein Netzwerk von wechselseitigen Rechten und Pflichten einbinden und idealerweise harmonisch und friedlich verlaufen sollen. Illegitime sexuelle Beziehungen bilden hingegen ein großes soziales und politisches Konfliktpotential, das zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, Fehden und Blutrachezyklen führen kann.
Nachdem der Shuar die richtige, die unverheiratete Schwester trifft und ihr seine Liebe erklärt, folgt Schritt für Schritt der Prozess der Eheschließung entsprechend der gesellschaflichen Regeln der Alltagswelt: Ein junger Shuar bittet (oft mit Hilfe eines Fürsprechers) im Zuge von mehrstündigen Gesprächen den Brautvater um seine Tochter, wobei die Eigenschaften der zukünftigen EhepartnerInnen und die Verpflichtungen und Ansprüche innerhalb der Heiratsallianz zur Sprache kommen. Nach der Heirat verlässt er seine Eltern und lebt in der Hausgemeinschaft des Schwiegervaters, dem er zu Allianz verpflichtet ist. Auch der mythische Jäger wechselt durch die Ehe seine Gruppenzugehörigkeit, wobei die Andersartigkeit seiner neuen (Afinal-) Verwandten eine wichtige Komponente des mythischen Handlungsverlaufs bildet. Dabei wird die ambivalente Position des jungen Ehemannes dargestellt, die einerseits eine starke emotionale und soziale Nähe zu seiner Frau, seinem Schwiegervater und den anderen Familienmitgliedern impliziert, andererseits auch ein Gefühl des Fremdseins als neues Mitglied einer sozialen Gruppe - eine Erfahrung, die in vielen anderen Gesellschaften von den Bräuten bzw. den jungen Ehefrauen gemacht wird und die von vielen Shuar-Männern als schwieriger Lebensabschnitt erlebt und empfunden wird. |