Die soziale Kontinuität zwischen Mensch und Natur, die perspektivische Qualität der Wahrnehmung der Welt und der Multinaturalismus sind in der Mythe von der Wildschweinfrau eng miteinander verbunden. Dabei wird deutlich, dass diese Konzepte verschiedene Dimensionen des Weltbilds zum Ausdruck bringen, die einander wechselseitig bedingen: Könnte sich der mythische Shuar sofort in die Wildschweinfrau verlieben und sie in der Folge heiraten, sexuelle und enge soziale Beziehungen zu ihr aufnehmen, würde er sie nicht aus einer anderen Perspektive, nämlich als Mensch (shuar) wahrnehmen?
Die soziale Kontinuität und der Perspektivenwechsel sind wiederum eng mit dem Prinzip des Multinaturalismus verbunden: Eine grundsätzliche geistige Kontinuität zwischen allen Wesen, welche die Körper und Gestalten bis zu einem gewissen Grad austauschbar macht, bildet eine wesentliche Voraussetzung für die Logik der mythischen Handlung. Das Wechseln der Perspektive wiederum ermöglicht das überschreiten von Grenzen, die Gruppen voneinander trennen und beeinflusst so den gemeinsamen Handlungskontext und die Art der Interaktionen.
Der mythische Jäger sieht seine potentielle Beute aus einer anderen Perspektive, er erkennt die andere Natur seines Gegenübers und ändert dementsprechend seine Handlungsweise: Anstatt das Wildschwein zu erlegen und als Nahrung zu konsumieren, verliebt er sich in die Frau und konsumiert in der Folge die Ehe, durch die er in Genuss von anderer (weiblicher = von Frauen produzierter) Nahrung kommt. Die Interaktionen kontrastieren auch zwei Arten von Beziehungen bzw. Modalitäten des Handelns: konflikthaft/aggressive und harmonisch/friedliche (vgl. auch Halbmayer 1998). Die daraus folgenden Verwicklungen und Transformationen in bezug auf sexuelle und soziale Beziehungen bilden den Kern der Handlung in den nächsten Episoden. |