Grenzen und Grenzüberschreitungen bestimmen die Darstellung des Verhältnisses von Mensch und Tier. Die Wildschweinfrau stellt sich dem Shuar mit folgenden Worten vor - "wir sind Wildschweine aber wir sind auch Personen und haben Menschengestalt" - sie definiert ihre Identität als Tier aber auch als Person und wird in dieser Situation auch vom Jäger in menschlicher Gestalt wahrgenommen. Seine Perspektive der Wahrnehmung hat sich gewandelt, er nimmt die Wildschweinfrau nicht von außen - wie ein Mensch - als Tier, sondern von innen - wie ein Wildschwein - als Mensch war. Die durchlässigen Grenzen des mythischen Zeitraums erlauben es ihm, mit der Lebenswelt der Wildschweine nicht nur als Jäger, sondern auch als gleichartige Person in direkten Kontakt zu treten und soziale Beziehungen mit ihnen aufzunehmen.
Hier kommen mehrere Prinzipien zum tragen, die das Weltbild und die Konzeption der Beziehungen zwischen Mensch und Tier in indigenen Kulturen des Amazonasraums auszeichnen: Eine wichtige Komponente stellt die animische Qualität des Weltbilds im Sinne von Descola dar: Diese basiert auf dem Glauben, dass die Natur über eine eigene spirituelle Qualität verfügt und somit Menschen persönliche und soziale Beziehungen mit „Naturwesen“ eingehen können.
Wesentlich ist für Descola die soziale Kontinuität zwischen Natur und Kultur: In diesem Prozess werden den natürlichen Phänomenen menschliche Attribute zugeschrieben, diesselben Kategorien, die das menschliche Leben organisieren, prägen auch die Beziehungen zwischen Mensch und Natur. Das Verhältnis von Mensch und Tier stellt sich demzufolge als ein Feld sozialer Beziehungen und sozialer Praktiken dar (vgl. Descola 1992, 1996). |