Die Naturmythologen formulierten auch eine These zur Deutung der Beziehung zwischen Mensch, Natur und Übernatürlichem im Mythos: Götter, Helden und andere mythische Akteure stellen für die Vertreter dieser Schule Schlüsselfiguren bzw. Metaphern für Naturerscheinungen dar, deren wahre Bedeutung aus dem Bewusstsein der Menschen entschwunden ist. So werden Naturerscheinungen in den Mythen als Handlungen und wechselnde Zustände beseelter Wesen vorgestellt und in bildhaften Erzählungen metaphorisch ausgedrückt. Aus diesen Vorstellungen entwickeln sich auch die komplizierten Götterwelten, die ebenfalls auf Grundlogik der Naturmetaphern reduziert werden können.
Im Gegensatz zu anderen Erklärungsmodellen, die von einer Anthropomorphisierung der Natur im Mythos sprechen (Natur bringt menschliche, soziale Konzepte zum Ausdruck: vgl. z.B. die Thesen von Philippe Descola 1992), vertreten die Naturmythologen die Ansicht, dass (in den Mythen) menschliche Handlungen natürliche Phänomen beschreiben und erklären (zur Naturmythologie vgl. auch de Vries 1961: 199-253).
Wenngleich viele Ansätze der Naturmythologen (vor allem das Evolutionsschema der Entwicklung von Mythen) überholt sind, so bleibt das Grundthema - die Konzeption und Darstellung von Natur im Mythos - weiterhin relevant und bildet auch einen Teil der „Anthropologie der Natur“ im Sinne von Philippe Descola, die einen wichtigen Forschungszweig zum Weltbild indianischer Kulturen darstellt (Descola 1992, 1996). |