„Die Begriffe Mythos und Mythologie sind nach wie vor umstritten, obgleich es in der Ethnologie, der Religions- und Literaturwissenschaft kaum ein Sujet gibt, über das so viel geforscht worden ist wie über den Mythos.“ (Zinser 1992:147)
Bei Mythen handelt es sich meist um sprachliche Texte oder Erzählungen, die oft in Prosa oder als Epos vorliegen. Diese Aussage bildet laut Zinser den einzigen minimalen Konsens der verschiedenen Projekte einer Definition des Mythos, mit dem allerdings wenig anzufangen ist.
Alle darüber hinausgehenden Differenzierungen geben bereits Anlass zu Kontroversen. So z.B. auch die zunächst unproblematisch klingende Kategorisierung von Mythen als „traditionelle Texte“, also als Texte, die einer kollektiven Überlieferung angehören: Die Bezeichnung führt jedoch sofort „in Teufels Küche“, und zwar einerseits mitten in die Debatten um den Begriff der Tradition, andererseits in die Diskussionen um das Verhältnis von kollektiver „Tradition“ und individueller Gestaltung in bezug auf mythische Texte.
Die Schwierigkeiten bei der Definition des Mythos stehen in Zusammenhang mit der großen Bandbreite von theoretischen Perspektiven, aus denen diese Erzählungen betrachtet werden können, reflektieren aber auch besondere Eigenschaften des Mythos. Mythen sind vielstimmige und vieldeutige Diskurse, die sich einer eindeutigen bzw. eindimensionalen Definition entziehen. Dies wurde bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom Ethnologen Paul Ehrenreich kommentiert.
Auch der Religionswissenschafter Mircea Eliade zweifelt daran, ob man eine einzige Definition des Mythos finden könne, die imstande wäre, alle Typen und Funktionen des Mythos in allen Gesellschaften zu umfassen, denn:
„Der Mythos ist eine äußerst komplexe kulturelle Realität, die sich aus vielen und einander ergänzenden Perspektiven erörtern und interpretieren läßt.“ (Eliade 1988/1963: 15)
Der Philosoph und Soziologe I.C. Gulian schließt sich dieser Meinung an und fügt hinzu: „Fast alle Deutungen, die dem Mythos bis heute gegeben wurden, haben das eine oder andere seiner Momente, diese oder jene seiner Funktionen erfaßt.“(Gulian 1971:11) Weiters betont er, dass die Vielschichtigkeit des Mythos auch nach einer „elastischen Methode verlangt, welche frei ist von präformierten oder deformierten Auffassungen, wie sie häufig aus der Beschränktheit des Fachdenkens entstehen.“ (Gulian 1971:12)
Die verschiedenen Definitionen und Theorien sind demnach immer auch Deutungen des Mythos, die sich meist auf unterschiedliche Kriterien (Form, Inhalt, Funktion oder Kontext - vgl. Kirk 1984: 49-51) beziehen. Der Altphilologe G.S. Kirk, der sich in erster Linie mit der antiken Mythologie beschäftigt, warnt ausdrücklich vor einer Reduktion des Mythos auf eine einzelne theoretische Position.
Die Auseinandersetzung mit Inhalten und Formen von Mythen findet in unterschiedlichen Kontexten statt und verfolgt eine große Bandbreite von Zielen. |