"Höre, ich werde von Iwia, dem Riesen, erzählen.
Eine Shuar-Frau heiratete einen Riesen, doch dieser hatte bereits eine Frau namens Aip. Die Shuar-Frau ging jeden Tag zu ihrer Pflanzung am Ufer des großen Flusses und brachte Feldfrüchte und große Nayúmpi-Fisch nach Hause. Dann kochte sie Maniokknollen und Fischsuppe, so ernährte die Shuar-Frau den Riesen. Aber die Riesen-Frau war eifersüchtig. Sie sprach zu ihrem Mann: "Sieh dir doch ihre Fische an! Ein Mann hat sie mit einem Fischspeer gefangen, man sieht genau, wo sie durchbohrt sind! Keine Frau kann so große Fische fangen!" Der Riese dachte: Es könnte wohl wahr sein, sie könnte aber auch aus Eifersucht so sprechen. Als die Shuar-Frau wieder mit Fischen nach Hause kam, bat er sie, die Fische zu braten; da bemerkte er, dass wirklich alle von einem Speer durchbohrt waren.
Es heißt, früher war Piái, die kleine Wildente, ein Mensch (Shuar), er fing Fische und gab sie seiner Geliebten. Er tauchte ins Wasser, holte mit seinem Speer Nayúmpi-Fische herauf und überreichte sie seiner Geliebten, der Frau des Riesen. Ja, die Shuar-Frau und der Wildenten-Mann waren Geliebte. Ja, ja, und der Iwia verdächtigte sie schon. Als seine Frau wieder aufs Feld ging, folgte er ihr. Er versteckte sich in der Nähe des Feldes und beobachtete alle Bewegungen seiner Frau; sie erntete Maniok und wusch die Knollen im Fluss. Im gleichen Augenblick sprang am anderen Ufer ein Mann ins Wasser, holte mit einem Speer Fische und warf sie ans Ufer. Die Shuar-Frau sammelte sie ein und gab auf sie acht. Als er alles gesehen hatte, kam Riese aus seinem Versteck und fragte seine Frau: "Woher kommt dieser Mann und mit wem lebst du eigentlich?" Ohne auf ihre Antwort zu warten, tötete er sie.
Die Frau war schwanger, doch sie trug statt der Kinder zwei große Eier in ihrem Körper. Der Riese nahm die beiden Eier aus ihrem Bauch, reinigte sie mit seiner Zunge und legte sie auf einen Stein. Dann begann er gierig die Frau zu verschlingen. Währenddessen beobachtete ihn Píai, der Enten-Mann, von der anderen Seite des Flusses. Da der Riese derart mit seinem Hunger beschäftigt war, tauchte der Mann ins Wasser und schwamm zu den Eiern. Er bedeckte sie mit Wasser und nahm sie mit; zu Hause gab er die beiden Eier seiner Frau zum ausbrüten. Nach einigen Tagen schlüpften die Zwillinge, zwei wunderschöne Knaben aus, Sonne Etsa und Mond Nantu.
Die Knaben wuchsen schnell heran und bald schickte sie der Enten-Mann auf Besuch zu ihrer Großmutter Jimianch, die in der Nähe der Riesen lebte. In einer Ecke ihres Feldes stand eine große Chilipflanze voll reifer Schoten. Die Knaben stiegen daraufhin jede Nacht aus dem Wasser und aßen Chilischoten. Als die Gefolgsleute des Riesen ihre Spuren entdeckten, fragten sie sich: "Wer isst wohl diese Chilischoten. Woher kommen die Kinder, die hier Chili essen?"
Da trug Riese dem Grillenmann Tinkishap und dem Käfermann Tsékeancham auf, die Kinder zu fangen. "Bringt sie mir", sprach er, "ich habe Lust, sie zu verspeisen." Die beiden legten sich in der Nacht auf die Lauer: Sie sahen zwei Lichter aus dem Fluss steigen, doch als die Lichter näher kamen, fielen die Kinderfänger in einen tiefen Schlaf. Sie erwachten erst in dem Augenblick, als die Lichter wieder im Fluss verschwanden. So geschah es das eine um das andere Mal. Schließlich teilten sie dem Riesen mit, es sei unmöglich die Kinder zu fangen. Da sandte Iwia den Larvenmann Káar und den Vogelmann Kúup aus. Die beiden legten sich nun auf die Lauer, um den Auftrag des Riesen zu erfüllen: Bald sahen sie die Lichter, sie kamen aus einem großen Strudel im Wasser und näherten sich der Sandbank. Dann stiegen zwei kleine Knaben aus dem Fluss - sie waren so groß wie mein Pablito hier. Káar und Kúup kämpften tapfer gegen den Schlaf und als die Kinder zu essen begannen, fingen sie beide mit einem Sprung - sie waren ja zu zweit. Die Knaben schrien und weinten, doch Káar und Kúup versicherten ihnen, dass ihnen nichts geschehen würde: sie wollten sie nicht töten, sondern nach Hause bringen. Zum Riesen sagten sie: "Keine Tiere sondern Kinder haben den Chili gegessen." Da dachte der Riese, die beiden könnten die Kinder sein, die er verloren hatte; von nun an sollten sie in seinem Haus leben.
Er gab den beiden Knaben Nánku-Rohre, damit sie lernten wie man mit einem Blasrohr umgeht, die Knaben schossen bald mit großer Treffsicherheit auf Fliegen und brachten sie dem Riesen, ihrem Vater. Er verschlang alles schnell und gierig. Dem Riesen fiel die Geschicklichkeit der Kleinen auf, kein einziger Schuss ging fehl, darüber wunderte er sich sehr. Bald baten sie ihn um ein richtiges Blasrohr für die Vogeljagd. Als sie das Blasrohr bekamen, schnitzten sie viele Pfeile, das Blasrohr benützten sie abwechselnd. Der erste schoss und während er dann den erlegten Vogel holte, nütze der andere die Zeit, legte seine Pfeile ins Blasrohr und tötete noch einen Vogel. Beide waren ausgezeichnete Schützen, sie kamen immer mit einem großen Bündel Vögel nach Hause. Mit der Zeit wurden sie perfekte Jäger, sie brachten dem Riesen viele Vögel und anderes Wild, denn sie waren überzeugt, er wäre ihr Vater. Aip, die Riesen-Frau, hatte ein Auge der Shuar-Frau aufgehoben und getrocknet. Waren Sonne und Mond auf der Jagd, nahm sie das Auge ihrer Mutter aus einem Korb, sie glättete damit ihre Tongefäße und polierte sie. Der Riese hatte noch den Schädel seiner Shuar-Frau auf dem er kräftig trommelte um Sonne und Mond Jagdglück zu verschaffen, denn der Ton des Schädels zog die Vögel an. Wenn die jungen Männer nach Hause kamen, verbargen die Riesen diese Dinge in einem Korb, der hoch oben im Dach hing.
Eines Tages ging Etsa, der Sonnenmann, wieder auf die Jagd. Er hatte im Lauf der Zeit schon so viele Vögel erlegt, dass es immer schwieriger wurde, neue aufzustöbern. Da sprach plötzlich aus einem Baum die Taubenfrau Yapakam zu ihm: "Mach nur so weiter! Zeig mir dein Blasrohr! Mach nur so weiter! Zeig mir dein Blasrohr!" Sonne suchte verzweifelt herum, konnte sie aber nirgends entdecken. Als er schließlich das Blasrohr hob und es ihr zeigte, fiel sie aus dem Baum, stand neben ihm und sprach: "Du hast alle meine Kinder getötet. Du jagst, um jene Leute zu ernähren, die deine Eltern getötet haben, so hast du die Vögel völlig ausgerottet. Aber du sollst wissen, wenn du zur Jagd gehst, trommelt Iwia auf dem Schädel deiner Mutter, und Aip, seine Frau, glänzt mit dem Auge deiner Mutter ihre Töpfe! Wenn deine Schritte hören, versteckt der eine den Schädel und die andas Auge. Weißt du das? Zum Schluss werden sie dich auch noch verschlingen!" Dann zeigte die Taube auf die toten Vögel, die am Boden lagen und fuhr fort: "Sammle all diese Federn auf und stecke sie in dein Blasrohr, dann blase kräftig hinein und alle Vögel, die du getötet hast, werden wieder lebendig werden." So geschah es. Dann schärfte ihm die Taubenfrau noch ein: "Wenn du zum Haus zurückkehrst, schleiche dich lautlos an, dann wirst du alles mit eigenen Augen sehen."
Etsa befolgte ihre Anweisungen: Er schlich sich lautlos durch das Feld und späte durch die Ritzen in der Wand ins Haus: Da nahm auch schon der Iwia den Schädel seiner Mutter und trommelte darauf - buaumm, buaumm, buaumm, die Frau holte das getrocknete Auge aus dem Korb und glättete ihre Töpfe. Mit einem Satz sprang Sonne in das Haus. Als der Riese ihn sah, warf er schnell den Schädel auf ein Regal im Dach. Die Frau beeilte sich, das Auge loszuwerden, aber sie hatte Pech und traf nicht in den Korb. Das Auge kollerte Etsa vor die Füße, es weinte, eine Träne fiel auf die Erde. Da dachte Etsa bei sich: Die Taubenfrau hat die Wahrheit gesprochen!
Er schien unbekümmert, übergab dem Riesen ein paar Vögel und sagte: "Vater, es gibt keine Vögel mehr." Man gab ihm zu essen und er kündigte an: "Morgen werde ich ein Reh töten, neben der Pflanzung der Mutter ist eine Stelle, an der die Rehe immer Wámpu-Früchte fressen. Hole Feuerholz und bereite alles vor, morgen töte ich das Reh und bringe es euch."
Der Riese holte Shimuit-Holz aus dem Wald, härtete es und spitzte es zu, so fertigte er eine Lanze an. Zu Sonne sagte er: "Ich werde selbst das Reh töten, du kannst das Tier verfehlen." Daraufhin brachte Sonne eine Bananenstaude, stellte sie in einiger Entfernung auf und sagte: "Versuche zuerst einmal, ob du überhaupt etwas triffst!" Dabei verzauberte er die Lanze mit einem Hauch und übergab sie dem Riesen. Iwia nahm sie und warf sie mit aller Kraft auf die Bananen, doch er verfehlte sein Ziel. Da sprach Sonne: "Siehst du, du wirfst daneben! Es ist besser, ich erlege das Reh!" Iwia erwiderte: "Gut, mein kleiner Sohn, dann versuche du, ob du die Bananenstaude triffst." Etsa nahm die Lanze und zzzz, schon steckte sie im Ziel und durchbohrte den Stamm. Da sagte er: "Du siehst, ich treffe genau, also werde ich morgen alleine auf die Jagd gehen." Der Riese stimmte ihm zu.
Im Morgengrauen brach Sonne auf und legte sich neben dem Weg zum Feld auf die Lauer, da kam schon die Frau des Riesen. Mit aller Gewalt durchbohrte er sie voll Zorn mit der Lanze und sie fiel tödlich getroffen zu Boden. Sofort sprach Sonne magische Worte: "Sei Reh, Reh, sei Reh, Reh". Wirklich verwandelte sich ihr Körper in ein Reh, nur ihr Kopf behielt seine menschliche Form. Da schnitt Sonne einfach den Kopf mit einem Messer ab, nahm den Körper und trug ihn nach Hause.
"Vater, ich habe das Reh getötet, den Kopf habe ich abgeschnitten und zurückgelassen, denn er ist sehr schwer, ich hole ihn später." Der Riese zog dem Reh sofort das Fell ab, trennte die Innereien vom Fleisch und schnitt es in Stücke. Einen Teil des Fleisches aß er roh, aus dem Rest kochte er eine Suppe. Nachdem er den ersten Hunger gestillt hatte und die Suppe schon garte, forderte er Etsa auf, seine Frau zu rufen. Sonne ging gehorsam hinaus und rief: "Mamduaaaa!" und von weither erklang eine Stimme: "Was ist los?" "Komm schnell zurück!" "Ich habe hier erst zu arbeiten begonnen!" Der Riese fragte: "Was ruft sie?" Und Sonne erklärte ihm: "Sie sagt, sie hätte gerade erst ihre Arbeit begonnen."
Doch der Riese wurde getäuscht: Er hörte nicht die Stimme seiner Frau; Sonne hatte ihren Grabstock, mit dem sie auf dem Feld arbeitete, verzaubert, damit er an ihrer Stelle antwortete. Wie sollte sie auch zurückkommen, wo sie doch tot war? Sonne nahm das Fleisch aus dem Topf und gab es dem Riesen, der aß gierig, nur ein kleines Stück legte er zur Seite und sagte: "Sie kann ja später essen, wenn sie sich so lange aufhält, bekommt sie eben nur Suppe."
Währenddessen sagte Sonne zum Riesen: "Esse nur, ich gehe einstweilen zum Fluß baden und komme gleich zurück." Beim Fluss bereitete er Sékemur-Seife vor und ließ sie auf einem Stein liegen. Als er zum Haus zurückkehrte, war der Riese mit dem Essen fertig. Da schlug ihm Sonne vor, er solle ein ausgiebiges Bad nehmen, während er den Kopf des Rehs holte. Bei seiner Rückkehr werde schon alles fertig sein. Der Riese zog los, aber plötzlich war die Entfernung zum Fluss endlos geworden, der Fluss entfernte sich mehr und mehr. Das geschah, weil Sonne den Fluss angewiesen hatte sich zu entferdamit er genug Zeit habe, sein Vorhaben auszuführen. Nach großen Anstrengungen gelangte der Riese schließlich zum Fluss. Dort fand er auch die Sékemur-Seife, aber da es eben sein Unglückstag war, kam ihn die Seife in ein Auge, sodass der arme Riese nicht mehr wusste, was er mit seinem Auge tun sollte, so sehr schmerzte es ihn.
Währenddessen lief Sonne leichtfüßig an den Ort, wo er die Frau umgebracht hatte. Er holte den Kopf, entfernte die Haut mit den Haaren und warf sie weg, den Schädel gab er in den Kochtopf und stellte ihn aufs Feuer. Während am Fluss der Riese mit der Sèkemur-Seife kämpfte, kochte Sonne, nahm den Topf von Feuer und stellte ihn auf einen Tisch. Gleich darauf kam der Riese. Scheinheilig fragte ihn Sonne, wo er denn so lange geblieben sei und lud ihn ein, von der frisch gekochten Speise zu essen. Ohne viel zu denken langte der Riese mit der Hand in die Schüssel und holte den Schädel heraus. Als er genauer hinsah, erkannte er das Gesicht seiner Frau. "Mein Enkel, mein kleiner Enkel, du rächst dich, das ist deine Rache!" Mit diesen Worten griff der Riese schnell nach seiner Lanze, aber Sonne war darauf vorbereitet und mit einem Sprung durchbohrte er ihn mit seiner Lanze. So erzählten es meine Großväter."
Nach einer Erzählung von Mashu, aufgenommen 1990 im Centro Shuar Utunkus, Ecuador. Übersetzung aus dem Shuar: Carlos Utitiaj, Übersetzung aus dem Spanischen: Elke Mader.
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