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Mythen in Lateinamerika
Ethnologische Mythenforschung
Univ. Doz. Dr. Elke Mader
Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie
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 up 7 Motive und Motiv-Vergleiche
 up 7.3 Flutmythen
 up 7.3.5 Beispiel: Die große Flut der Anakonda (Shuar)
 up 7.3.5.2 Metamorphosen der myhtischen Zeit

7.3.5.2.1 Die Entstehung von Mensch und Natur

Die Entstehung der Natur wird als ein abgeschlossener Prozess der mythischen Zeit betrachtet, der nicht der heutigen Lebenswelt angehört. Alle Naturerscheinungen sind jedoch auch heute mit spirituellen und sozialen Eigenschaften ausgestattet, wodurch eine Kontinuität mit der engen Verflechtung der Wesen in der mythischen Zeit gegeben ist. Dies kommt unter anderem bei der Vorstellung von den spirituellen Komponenten der Personen zum Ausdruck, so etwa bei wakán - ein multidimensionaler Begriff, der sich auf eine Form von Geist, Seele, Bewusstsein, Gestalt und Vitalität bezieht, die allen Wesen der Welt - Mensch, Tier und Pflanze, Lebenden und Toten - zu eigen ist. Diese geistigen Qualitäten bildet die Grundlage für die Klassifikation dieser Wesen als "bewusste Wesen" oder Personen (aents). Grenzen und Grenzüberschreitungen zwischen Mensch und Tier werden in vielen Mythen behandelt, u.a. in der Geschichte vom Shuar und den Wildschweinen.

Das Naheverhältnis von Mensch und Natur kommt auch in der Namensgebung der Shuar und Achuar zum Ausdruck: Die Bezeichnungen von Tieren und Pflanzen bilden einen großen Teil der Eigenvon Männern und Frauen. Auch die Gesänge illustrieren deutlich diese Verflechtungen: Analogie und Identifikation von Mensch und Tier bilden hier die Grundlage für eine reiche Natursymbolik, die poetisch immer neu gestaltet wird.

Abgeschlossen ist auch die Einrichtung der menschlichen Lebensbedingungen: Paradiesische Zustände, die von KulturheroInnen kurzfristig als Möglichkeiten menschlichen Seins in die Welt gebracht wurden, gelten als unwiederbringlich verloren. Diese Prinzip kommt u.a. in der Mythe von Nunkui und der Nahrung zum Ausdruck. Die mythischen Metamorphosen betreffen kaum die räumliche Ordnung des Kosmos, sondern beschäftigen sich vor allem mit seinen Bewohnern. Ihre Beziehungen zueinander sowie zu ihrem Lebensraum, ihr Denken, Fühlen und Handeln steht im Mittelpunkt der Mythen. Auf diese Weise steht die Handlung der einzelnen Geschichten in einem direkten Zusammenhang mit der Lebenswelt der Shuar: Sie zeigt Werte und Normen für richtiges und falsches Handeln und gibt Einblick in moralische und ethische Grundlagen der Gesellschaftsordnung.

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