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Mythen in Lateinamerika
Ethnologische Mythenforschung
Univ. Doz. Dr. Elke Mader
Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie
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 up 7 Motive und Motiv-Vergleiche
 up 7.3 Flutmythen
 up 7.3.5 Beispiel: Die große Flut der Anakonda (Shuar)

7.3.5.1 Flutmythen und Weltuntergang (Shuar und Achuar)

Einige Mythen der Shuar und Achuar sprechen von einer Großen Flut (nujank amúkmarnam - alles war überflutet), die einen Übergang zu einer neuen Phase des mythischen Geschehens andeutet, und berichten von den Ereignissen, die zu dieser Katastrophe führten.. Diese Mythen stehen bei den Shuar mit diffusen Vorstellungen von einem Weltuntergang und einer zyklischen Welterneuerung in Verbindung (nunka mesétai - die Erde wird verletzt, beschädigt, oder nunka amútai - die Erde wird überflutet), eine Sonnenfinsternis wird als Vorzeichen für ein solches Ereignis gedeutet. In traurigen Liebesliedern singt man auch manchmal vom Ende der Welt, hier handelt es sich oft um eine Metapher für eine unglückliche Liebe oder für unüberwindbare Schwierigkeiten, die einer Liebe im Wege stehen.

Die Vorstellungen vom Weltuntergang zeigen auch Anklänge an das zyklische andine Zeitkonzept und den Begriff des pachakuti, der Zerstörung bzw. Umkehrung der Welt, die zu solchen Zeitpunkten eintritt.Die Vorstellung, dass sich mythische Ereignisse - wie etwa eine große Flut - in der Gegenwart oder der Zukunft wiederholen können, bildet ebenfalls einen Teil der gedanklichen Verbindung von mythischer Welt und Alltagswelt. Die indigenen Erklärungsmodelle für den Weltuntergang legen nahe, dass solche Ereignisse wiederholbar sind, in den Mythen des Amazonasgebiets führen meist menschliche Verfehlungen zu solchen Kataklysmen (vgl. Bierhorst 1988:139).

Weltuntergang und Welterneuerung spielen jedoch im Vergleich zu anderen Kulturen des Amazonasraums im Weltbild der Shuar und Achuar generell eine untergeordnete Rolle. Sie bilden einen integralen Bestandteil der Metamorphosen der mythischen Zeit, prägen aber den Handlungsverlauf und die Botschaft der Mythen nur begrenzt. In der Ursprungsmythe der Achuar (Die Achuar und die Papageienfrauen) wird die Flut nur zu Beginn erwähnt als Zeichen für eine Zeit des Anfangs bzw. des Übergangs, die Ereignisse nach der Flut bilden den Kern der Geschichte. Dieser Handlungsverlauf kennzeichnet viele Flutmythen des Amazonasraums. In der Mythe von der „Großen Flut der Anakonda“ stellen hingegen die Ereignisse, die zu der Flut führten im Mittelpunkt des mythischen Geschehens. Er greift auch bekannte Flutmotive auf, z.B. Menschen retten sich auf einen hohen Baum. Wie kommt es zu der Flut? Die Jäger töten eine Anakonda, die ihnen Schaden zugefügt hat, und einer der Männer geht soweit ihr Fleich zu essen, das in der Gesellschaft der Shuar tabuisiert ist. Dieses Vergehen stellt nicht nur einen Bruch der sozialen Regeln dar, sondern provoziert die Macht der Anakonda, einem Tier dem auch übernatürliche Kräfte zugeschrieben werden und das eng mit der Macht der Schamanen assoziiert ist. Auch dieser Text kann - stärker verschlüsselt als in der Mythe der Selk`nam als ein Kommentar zur Macht der Schamanen gelesen werden, die auch hier eine bedrohliche Dimension aufweist.

Ob die „Sintfluten“ in den Mythen der Shuar und Achuar ein indigenes Motiv sind oder auf christliche Einflüsse zurückgehen, ist nicht eindeutig zu klären. Die Flutmythen der Shuar weisen deutlich weniger Anklänge an biblischen Geschichten auf als etwa jene der benachbarten Quichua, wo in einigen Mythen das Arche Noah Motiv klar erkennbar ist (Foletti Castegnaro 1993: 21-28).

 down 7.3.5.1.1 Papagei am Flußufer
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