Durch die Flut werden viele Wesen vernichtet, andere können sich retten. Die Vernichtung all jener Wesen, die nicht wie „richtige Menschen“ handeln, ist das erklärte Ziel der Flut. Dabei geht es weniger um ethisch-moralische Prinzipien, vielmehr um eine Selektion, wobei unvollständige bzw. „primitive“ Formen der Menschheit den „richtigen“, „zivilisierten“ Menschen weichen.
Dieses Konzept kommt in vielen Mythologien über die Entstehung der Welt in indianischen Kulturen zum Ausdruck, das oft von mehreren Entwicklungs- oder Schöpfungszyklen ausgeht. Die mythische Vorzeit umfasst dabei mehrere Perioden, in denen Menschenformen die Welt bevölkerten, die nicht den Maßstäben der Gegenwart (bzw. jener Kultur, in der die Mythen erzählt werden) entsprachen. Die „Urmenschen“ wurden oft von ihren Schöpfern selbst, oder aber von deren Gegenspielen vernichtet, um einer neuen Zeitepoche und „neuen Menschen“ Platz zu machen.
In der Flutmythe der Quechua del Aguarico handelt es sich dabei um „dumme Menschen“, denen wesentliche Eigenschaften fehlten: „Einige sprachen gar nicht, andere wiederum konnten nicht arbeiten, um sich zu ernähren.“ Die Personen, die sich auf die Berge retten können, sind die Tüchtigen und Zivilisierten: Sie bringen auch all das mit, was man braucht, um sich - im Sinne der Quechua - durch Arbeit ernähren zu können, d.h. vor allem Nahrungspflanzen, die Grundlage des Feldbaus. Die Dichotomie und die Konfrontation von Primitiven und Zivilisierten, die in dieser Mythe thematisiert wird, kann auch im Kontext der Beziehung zwischen den Gesellschaften des Andenraums und jenen des Amazonasgebiets gesehen werden. So sahen und sehen sich die Bewohner des Andenraums gerne als die „Zivilisierten“, deren Kultur den „Wilden“ des Amazonasgebiets weit überlegen ist.
Darüber hinaus kann die Mythe auch auf spezifische Elemente der Konfrontation des Eigenem mit dem Anderen in der Geschichte der Quichua del Aguarico während des Kautschukbooms verweisen, etwa die auf die Auseinandersetzung der Weißen (Christen) mit dem Wilden (Huarani). Die Weißen wollten die Wilden vernichten, da ihre Lebensweise nicht ihren Interessen und Vorstellungen entsprach. Die schwierige und ambivalente Rolle der „zivilisierten“ Quechua in diesem historischen Prozess, käme bei einer solchen Deutung in der Rolle jener Tüchtigen zum Ausdruck, die sich auch in der größten Katastrophe noch irgendwie retten können. |