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Mythen in Lateinamerika
Ethnologische Mythenforschung
Univ. Doz. Dr. Elke Mader
Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie
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 up 7 Motive und Motiv-Vergleiche
 up 7.3 Flutmythen
 up 7.3.7 Der liebe Gott, die Sintflut und die großen Berge: Eine synkretistische Flutmythe der Quichua im ecuadorianischen Amazonasgebiet
 up 7.3.7.1 Kommentar

7.3.7.1.2 Mensch, Natur und übernatürliche Wesen

Die mythische Handlung wird von verschiedenen Wesen getragen, die nicht eindeutig den europäischen Kategorien Mensch, Natur oder Gott zugeordnet werden können. Die mythische Zeit - „am Beginn der Menschheit, in der Zeit des Wassers“ - ist wie in vielen indianischen Mythen durch eine geringe Differenzierung der Wesen gekennzeichnet: Menschen, Tiere, Berge, Gott und Engel agieren in einem gemeinsamen Handlungskontext, sie werden zum Großteil als Personen dargestellt, die alle Bewusstsein haben, aktiv handeln und miteinander kommunizieren können. Die Handlungswelt der Flutmythe bringt in diesem Sinn ein allgemeines Prinzip indianischer Weltbilder zum Ausdruck.

Zeichnung: Die lebenden Berge

Wichtige Akteure sind drei Berge (Cola Urcu, Chota und Sumaco), die drei höchsten Erhebungen der östlichen Bergkette der Anden im Nordosten Ecuadors, die das Bild der Landschaft im Grenzbereich zwischen Anden und Amazonastiefland beherrschen. Die drei Berge werden in der Mythe zwar in gewissem Sinn von „Gott geschaffen“, d.h. er bewirkt ihr Anwachsen, sie entwickeln aber sofort ein Eigenleben, das keineswegs den abendländischen Vorstellungen von einer unbeseelten Natur entspricht.

Noch während sie Entstehen (Wachsen), beginnen die Berge miteinander zu reden: Die Episode betont ihre Eigenschaften als Personen, insbesondere als Männer. Auch die sexuelle Anspielung - jener Berg, der sich höher aufrichten kann, ist besonders macho (männlich, stark) - entfernt sich eindeutig vom biblischen Diskurs.

Die Betonung der Männlichkeit der Berge vernetzt die Mythe mit dem andinen Weltbild, in dem den Bergen als männliches und göttliches Element der Landschaft (ihr Pendent sind die weiblichen Seen und die weibliche Erde Pachamama) besondere Bedeutung in einem umfassenden Konzept einer mit spirituellen und mit göttlichen Eigenschaften ausgestatteten Natur zukommt. In der mythischen Handlung sind sie in vieler Hinsicht Gegenspieler von „Gott“, sie verkörpern jene Orte, wo die Menschen Zuflucht finden (auf dem Gipfel des Cola Urcu wächst sogar ein kleiner Garten mit zwei Bäumen), sie schützen die Menschen und greifen auch aktiv als Retter in das Geschehen ein.

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