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Mythen in Lateinamerika
Ethnologische Mythenforschung
Univ. Doz. Dr. Elke Mader
Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie
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 up 7 Motive und Motiv-Vergleiche
 up 7.3 Flutmythen
 up 7.3.7 Der liebe Gott, die Sintflut und die großen Berge: Eine synkretistische Flutmythe der Quichua im ecuadorianischen Amazonasgebiet
 up 7.3.7.1 Kommentar

7.3.7.1.1 Der "liebe" Gott

Ein wichtiger Akteur im mythischen Geschehen der Flutmythe ist „Gott, unser Vater“. Es handelt sich dabei aber nicht um den transzendenten Schöpfergott der Bibel, sondern um eine göttliche Figur, die wie andere Kulturheroen und machtvolle Wesen in der mythischen Zeit auf der Erde lebte, sie transformierte und neu gestaltete. Gott bringt die große Flut über die Welt, da die Menschen „ein schlechtes Leben führen“. Er handelt jedoch nicht nach dem moralischen Konzepten der Bibel (vernichtet die Gottlosen, rettet die Gerechten) sondern nach anderen Prinzipien: Er vernichtet die Dummen und Ungebildeten und rettet die Klugen und Erfolgreichen. Die Flut ist auch Anlass für die Entstehung neuer Landschaftsformen: Gott lässt nicht nur die Flüsse ansteigen, sondern auch die Berge wachsen, auf die sich einige Menschen während der großen Flut retten können.

Nachdem er die Flut und das Wachstum der Berge bewirkt hat, greift er nicht mehr in das Geschehen ein. Andere Akteure haben Mitleid mit den Opfern der Katastrophe - „sogar der Berg begab sich auf die Suche nach den Kindern, um sie zu retten“. Erst in der letzten Passage der Mythe wird wieder von Gott gesprochen: „Als er noch auf der Erde lebte, verursachte er großes Sterben, am Beginn der Menschheit, in der Zeit des Wassers, der Zeit der Gerichte.“ Aber nicht nur Gott bedroht sie Menschen: Auch die Anakonda und andere Schlangen sind aggressive Akteure bei der Flutkatastrophe, wobei sich die christliche Symbolik der Schlange als Inbegriff des Bösen mit den indianischen Vorstellungen vermischt.

Die Gottesfigur in der Mythe ist polyvalent und multidimensional: Sie handelt ähnlich wie der biblische Gott, der als Strafe die Sintflut verursachte. Im Schlusssatz der Mythe wird er primär als „Todesbringer“ charakterisiert, als eine Person, die großes Unheil über die Welt bringt (sogar die Engel „ waren völlig verschreckt“), aber auch eine Veränderung und Neugestaltung der Welt bewirkt. Der „liebe“ Gott trägt hier sowohl Züge des „strengen Gottvaters“ der biblischen Tradition, der sich gegen die Menschen richten kann, und reflektiert auch die zerstörerische Dimension des christlichen Gottes und seiner Repräsentanten (Missionare) in Bezug auf die indianischen Kulturen. Er trägt aber andererseits auch indianische Züge, nämlich die eines Tricksters, der weder klar auf der Seite des Guten, noch auf jener des Bösen angesiedelt ist.

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