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Mythen in Lateinamerika
Ethnologische Mythenforschung
Univ. Doz. Dr. Elke Mader
Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie
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 up 7.3 Flutmythen

7.3.7 Der liebe Gott, die Sintflut und die großen Berge: Eine synkretistische Flutmythe der Quichua im ecuadorianischen Amazonasgebiet

"Am Anfang lebten viele Menschen, sehr viele Menschen, doch sie führten ein schlechtes Leben. Daher sandte ihnen Gott, unser Vater, eine Flut. Diese Menschen waren vom Geschlecht der Schildkröte, der Schlangen und der Taube - „Sie sollen sich nicht vermehren! Die Nachkommenschaft der Anakonda soll verschwinden! Ich werde sie alle vernichten!“ So sprach Gott Vater und schickte das große Wasser.

Zeichnung: Der Berg Sumaco als Ort der Rettung vor der Flut

Diese Menschen waren nicht wie wir heutzutage, sie konnten kaum sprechen, sie waren dumm, einige sprachen gar nicht, andere wiederum konnten nicht arbeiten um sich zu ernähren. Deshalb wollte Gott, dass sie verschwinden. Nur einige Menschen sollten überleben, und zwar die besonders schlauen.

Am Beginn der Menschheit, in der Stunde der Bestrafung, der Zeit der Gerichte, als die Flüsse zu steigen begannen, ließ Unser Vater die Berge anwachsen. Drei Berge begannen zu wachsen - der Cola Urcu, der Chota und der Sumaco. Zuerst wuchs der Cola Urcu und alle Menschen flüchteten sich auf seinen Gipfel. Der Chota und der Sumaco wurden auch höher, aber der Sumaco konnte nicht besonders hoch anwachsen. Deshalb sagte er zum Chota: „Du bist ein wie ein richtiger, starker Mann! (Tú eres macho!) Chiiviiii...“ Und er kam nicht mehr höher. Da antwortete ihm der Chota: „Ja, ich bin ein richtiger, starker Mann! (Yo sí que soy macho!) Chichuuuu...“ Und er wurde immer größer. Der Sumaco hingegen meinte bedauernd: „Ich kann nicht weiter wachsen!“

Als die Welt überflutet wurde, landeten der Tapir, der Condor, der Puma und einige Flösse mit Menschen am Sumaco. Auf den Gipfel des Chota retteten sich der Hirsch und viele Menschen. Dort waren auch alle Schutzengel, sie waren völlig verschreckt! In Vögel verwandelt umkreisten sie den Gipfel des Berges. Auf die Höhen des Cola Urcu retteten sich auch viele Menschen, sehr viele Menschen, dort auf dem Gipfel waren zwei Bäume gewachsen, ein Baumwollbaum und ein anderer Baum mit herrlichen Blüten.

Um sich vor den Fluten zu retten bauten die Menschen große Balsa-Flöße, sie machten sie aus Damahua-Holz. Auf den Flößen hatten sie alles, was sie brauchten: Obst, Yams, Mehlbananen, Mais, Papaya - einfach alles. Die Flöße banden sie am Gipfel des Berges fest. Als das Wasser weiter anstieg, begab sich sogar der Berg auf die Suche nach den Kindern, um sie zu retten. Manche versuchten schwimmend den Berg zu erreichen, doch während sie schwammen kam die große menschenfressende Anakonda (Sira Amarun) und verschlang sie.

Zeichnung: Die Anakonda verschlingt die Menschen

Im Wasser trieben alle Fische, auch die Schlangen schwammen herum und erzeugten Strudel in den Fluten. Sie waren hungrig und wollten einen Menschen mit ihrem Biss töten und essen. Als das Wasser zu sinken begann, landeten die Flöße auf den Berge und blieben dort liegen.

In diesen alten Zeiten, am Beginn, lebte Gott Vater noch auf der Erde, erst später ging er in dem Himmel. Als er noch auf der Erde lebte, verursachte er großes Sterben, am Beginn der Menschheit, in der Zeit des Wassers, der Zeit der Gerichte."

Yacucuna Jundamushcapi / El juicio de agua. Mythe der Quichua del Aguarico, Ecuador. Aufgenommen ca. 1980, ErzäherIn nicht genannt, publiziert in Quichua und Spanisch in Foletti-Castegnaro 1993: 27-30, Übersetzung aus dem Spanischen Elke Mader. Illustration: „El Juicio de Agua“, Zeichnung von Blanca Vargas aus Puyupungu in Foletti-Castegnaro 1993: 25, mit freundlicher Genehmigung des Verlags Abya Yala.

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