"Einige Shuar gingen zur Jagd und richteten sich im Wald eine Hütte als Jagdlager ein. Sie erlegten viele Affen, räucherten das Fleisch und hielten von neuem Ausschau nach Wild. In einem hohlen Baumstamm neben der Hütte lebte aber eine riesige Anakonda; mit ihrem Schwanz holte sie sich das Fleisch und verschlang es. Als die Jäger aus dem Wald zurückkehrten, war ihre Beute verschwunden. So ließen sie, bevor sie wieder zur Jagd auszogen, einen Mann als Spion zurück, er sollte der Sache auf den Grund gehen. Und wirklich sah er, wie die Riesenschlange aus dem Baum kroch und das Fleisch verschlang. Nach der Rückkehr der anderen Jäger beschlossen die Männer, die Anakonda zu verbrennen. Sie zündeten den hohlen, trockenen Baum an und die Schlange verbrannte mit ihm.
Die gebratene Anakonda verbreitete einen köstlichen Duft. Dem konnte einer der Jäger nicht widerstehen und kostete ein Stück Schlangenfleisch. Es schmeckte herrlich, wie geräucherter Fisch. Sein Bruder sah ihn und sprach: "Esse das nicht, es ist Anakonda!" Der Andere aber, verführt von dem würzigen Duft, nahm noch ein Stück. Die beiden Brüder machten sich bald auf den Heimweg, doch unterwegs befiel jenen Mann, der von der Anakonda gegessen hatte, ein schrecklicher Durst. Er leerte zuerst seinen ganzen Vorrat von Maniokbier, aber es konnte seinen Durst nicht stillen. Da begann er Wasser aus den Bächen zu schöpfen, aber er wurde immer nur durstiger und sein Körper begann sich grässlich aufzublähen. Er sprach zu seinem Bruder: "Brüderchen, mich bringt der Durst um, hilf mir doch diesen kleinen Wasserfall herzuleiten, damit ich ihn trinken kann. Dann klettere auf eine Uwi-Palme dort auf dem Hügel um dich zu retten." So leitete der Mann den Wasserfall direkt in den Mund seines Bruders und ließ ihn dort zurück.
Kaum hatte er die Palme erreicht hörte er einen entsetzlichen Knall und mit einem furchterregenden Dröhnen wogte Wasser über alles, die Flut stieg bis knapp unter die Krone der Palme. Die ganze Erde wurde zerstört. Nur er, und das Haus seiner Familie auf einem Hügel blieben verschont. Als die Fluten am nächsten Morgen wieder gesunken waren, ging er zu seinem Haus zurück. An der Stelle, wo sein Bruder den Wasserfall getrunken hatte, fand er eine kleine Schlange. Er nahm sie mit, weil sie doch sein Bruder war, und legte sie in eine Pfütze. Dort begann sie zu wachsen und mit ihr wurde die Pfütze jeden Tag größer und tiefer. Die Kinder wollten im Wasser spielen, aber kaum näherten sie sich dem Teich, kam die Schlange an die Oberfläche. Mit der Zeit wurde sie immer größer und größer, da beschloss der Shuar sie in einen Fluss bringen.
Die Schlange aber ließ das nicht zu, sie brachte die Erde und das Wasser zum Erbeben. Da bekam der Mann Angst und er ließ sie, wo sie war. So wurde sie langsam zu einer riesigen Anakonda, die Menschen verschlingt. So wurde der Mensch in eine Anakonda verwandelt. So - heißt es - ging die Welt unter."
Shuar panki yua: Mythe der Shuar, erzählt von Mashu, aufgenommen 1990 im Centro Shuar Utunkus, Ecuador. Übersetzung ins Spanische: Carlos Utitiaj; Übersetzung ins Deutsche: Elke Mader. |