In der Mythe der Selk’nam stellt die Flut weder göttliche Fügung noch ein Naturereignis dar, das unaufhaltsam über die Menschen hereinbricht, sondern wird auf das Versagen einer bestimmten Gruppe von Personen zurückgeführt - den Schamanen bzw. Medizinmännern, wie sie in der älteren Literatur oft bezeichnet werden.
Gusinde fügt der Mythe einen erklärenden Kommentar hinzu: Das weite Meer war der mächtigste xon (Medizinmann, Schamane) aller Zeiten und wollte den Leuten Schaden zufügen. Die Vereinigung aller Schamanen zur Abwehr eines übermächtigen Gegners reflektiert die Auseinandersetzungen zwischen Schamanen zur Zeit der Mythenaufnahme (Gusinde 1931: 626). Hier bezieht sich der Mytheninhalt auf den religiösen und sozialen Kontext in der Gesellschaft der Selknam, er trifft also nicht nur Aussagen in Bezug auf die mythische Zeit, sondern auch in Bezug auf ein wichtiges Element des Alltags der Selk`nam zur Zeit der Mythenaufnahme, nämlich die Macht der Schamanen und ihre ambivalente Beziehung zu den Menschen. So werden sie in der Mythe zum einen für ein großes Unglück, eine Katastrophe - die Flut - verantwortlich gemacht, zum anderen sind sie - wenn sie richtig handeln - Retter der Menschheit. Diese Episode reflektiert die soziale Dynamik von Hexen und Heilen sowie von Furcht und Ehrfurcht, die den schamanischen Handlungsraum in vielen indianischen Gesellschaften kennzeichnet.
Die Verbindung von Schamanismus und einer großen Flut ist in indianischen Mythen weit verbreitet, u.a. auch bei den Shuar (Die große Flut der Anakonda, Tsunki und der erste Schamane). |