Logo
Mythen in Lateinamerika
Ethnologische Mythenforschung
Univ. Doz. Dr. Elke Mader
Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie
Home
Sitemap
Vorherige
Nächste
 up 7 Motive und Motiv-Vergleiche
 up 7.3 Flutmythen
 up 7.3.4 Beispiel: Flutmythe der Selk´nam

7.3.4.2 Menschen, Seelöwen und Vögel: Transformation und Multinaturalismus

Die Flutmythe der Selk’nam erklärt bestimmte Erscheinungsformen oder Verhaltensweisen von Menschen, Tieren oder Naturerscheinungen.

Nur ein Teil der Menschen kann sich retten, aber auch die anderen gehen nicht völlig zugrunde. Die Flut ist hier der Anlass für eine Metamorphose, die Menschen werden in Tiere verwandelt, und zwar in solche, denen das Wasser temporär nichts anhaben kann, die aber dennoch dem Land verbunden sind (Seelöwen und Vögel). Die Lebensweise dieser Tiere wird ebenfalls mit dem mythischen Handlungsverlauf in Verbindung gebracht: Da sie sich (als Menschen) auf Felsen retten wollten, halten sie sich auch in der Gegenwart gerne auf Felsen und am Strand auf. Sie haben zwar ihren Körper verändert um die große Flut zu überleben, sind aber nicht - wie etwa Fische - völlig im Wasser zuhause, sondern bleiben Grenzgänger zwischen Land und Wasser. Dadurch bleiben sie auch den Menschen ähnlich, die ebenfalls die Küsten bewohnen, im Wasser fischen und am Land schlafen. Diese Verbindung wird auch in anderen Mythen der Selk’nam thematisiert, etwa in der Geschichte „Wie ein Seelöwe sich in ein Mädchen verliebte“ (Gusinde 1931: 668-671).

Die Episode der Transformation bindet die Mythe in eine große Erzählung über den Ursprung der Dinge, über die Entstehung der Welt in ihrer gegenwärtigen Form ein, die in der Mythologie der Selk’nam in unterschiedlichen Epochen abläuft und auch durch das Wirken von Kulturheroen* gekennzeichnet ist (vgl. Gusinde 1931). Das Konzept der Transformationen verbindet die Mythe wiederum mit den Grundprinzipien indianischer Weltbilder. Ein solches Prinzip wird von Viveiros de Castro als „Multinaturalismus“ bezeichnet (Viveiros de Castro 1998): Während alle Bewohner des Kosmos eine Seele und Subjektivität besitzen, unterscheiden sie sich voneinander durch ihre „Naturen“, ihren Körper, der das Spezifische und Andere einer Kategorie von Subjekten ausmacht. Der Körper wird dabei oft als eine Art Kleidung betrachtet, die - etwa von Schamanen während eines Rituals - auch willentlich gewechselt werden kann. So wechselten auch die mythischen Selk’nam in der Not ihre menschlichen Körper(kleider) gegen jene von Seelöwen und Vögeln, ohne sich jedoch komplett von ihrer vorherigen Wesenheit zu verabschieden.

Hilfe Seitenanfang
Home Sitemap Suche Bilder Vorherige Nächste

Letzte Aktualisierung dieser Seite:
Öffne externe Links in neuem Fenster?

© Copyright "Lateinamerika-Studien Online"