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Kultur- und Sozialanthropologie Lateinamerikas
Eine Einführung
Univ. Doz. Dr. Elke Mader
Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie
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 up 4 Mensch, Natur, Weltbild
 up 4.3 Beseelte Natur: Weltbild, Landschaft, Kosmos
 up 4.3.1 Theoretische Konzepte zum Verhältnis Mensch, Natur und Geist(er)

4.3.1.3 Multinaturalismus oder die vielen Kleider der Seele

Viveiros de Castro zu Folge unterscheiden sich die verschiedenen Wesen des Kosmos durch ihre „Naturen" voneinander:

  • Das westlich- naturwissenschaftliche Denken ist seiner Ansicht nach durch einen „ontologischen Multikulturalismus" gekennzeichnet. Dabei wird die Natur - der Körper - als die gemeinsame Dimension aller Wesen betrachtet, sie verbindet Mensch und Tier, die sich aufgrund ihres Geistes oder ihrer Seele sowie im weiteren aufgrund ihrer Kultur voneinander unterscheiden. Im Rahmen der Eroberung Amerikas wurde deshalb auch lange diskutiert, ob die Indianer eine Seele haben und dadurch der Kategorie Mensch zuzuordnen seien. So ist der Mensch in seiner biologischen (tierischen) Dimension Objekt der Naturwissenschaft, während er in seiner geistigen (spezifisch menschlichen) Dimension ein geistiges und kulturelles Wesen darstellt.
  • Im Gegensatz zu diesem Modell steht der indianische „Multinaturalismus". Er geht von der Gleichartigkeit des Geistes bzw. der „Seele" aller Wesen aus, die jedoch verschiedene Körper oder „Naturen" besitzen. Alle Bewohner des Kosmos besitzen eine Seele und Subjektivität - also auch Geist und Kultur. Sie unterscheiden sich voneinander durch ihren Körper, der das Spezifische und Andere einer Kategorie von Subjekten ausmacht. Aus diesem Grund ertränkten Indianer während der Eroberungskriege europäische Gefangene, um an der Reaktion ihres Körpers zu erkennen, ob sie Menschen oder Geister seien (Viveiros de Castro 1998: 475).
Im westlichen Denken bildet also der Geist die Differenz zwischen den Wesen, das indianische Denken hingegen postuliert eine metaphysische Kontinuität und eine physische Diskontinuität des Kosmos.

Maskentänzer

Körper und Geist werden jedoch in indianischen Kulturen nicht so streng voneinander getrennt wie im Abendland, sondern stellen vielmehr ein Kontinuum dar: Daraus ergibt sich auch die transformative Kapazität den Wesenheiten, die in den Metamorphosen der indianischen Kosmologie und Mythologie so bedeutsam ist. Der Körper ist in diesen Verwandlungsprozessen als Kleidung zu verstehen, die von den Subjekten auch gewechselt werden kann und die ihnenverschiedene Fähigkeiten in unterschiedlichen Kontexten verleiht.

Der Multinaturalismus im Sinne der transformativen Eigenschaften der Wesenheiten prägt die mythischen Erzählungen auf verschiedenen Ebenen, etwa auch in bezug auf die Charakteristika der mythischen Zeit: Hier werden die unterschiedlichen Perspektiven und Naturen aufgelöst, alle Wesen gehören einer einzigen Spezies an, obwohl ihre Handlungsweisen oft schon auf zukünftige Seinsformen, auf ihre Differenzierung durch andere Körper-Kleider verweisen (Viveiros de Castro 1998).

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