Philippe Descola geht von der Tatsache aus, dass der Gegensatz von Natur und Kultur im Sinne von Lévi-Strauss zwar als analytisches Instrument bei der Untersuchung von Mythen, Ritualen oder Weltbildern von Nutzen ist, in vielen Fällen aber keine Entsprechung im Verständnis der Indigenen hat: Für die amazonischen Kulturen ist dieser Gegensatz oft völlig bedeutungslos, sie beschäftigen sich vielmehr mit der Kontinuität zwischen den beiden Sphären (Descola 1992: 113-14, Descola und Pállson 1996).
Descola geht es in erster Linie um das Erfassen von Schemata der Praxis, die Handlungsprinzipien für den Umgang mit anderen Wesen zum Ausdruck bringen. Es handelt sich dabei um Prinzipien der Konstruktion sozialer Realität, welche sich primär in den Beziehungen zwischen den Menschen und ihrer natürlichen Umgebung manifestieren.
Im Amazonasraum - und auch anderswo - bestehen solche Beziehungen aus einer Kombination von totemischen und animischen Elementen:
- Im Rahmen des Totemischen bilden Pflanzen und Tiere Stimuli für die taxonomische Phantasie, die morphologischen und aetiologischen Unterschiede dieser Wesen werden zu Modellen für die Konstruktion von Differenz.
- Das Animische basiert auf dem Glauben, dass die Natur über eine eigene spirituelle Qualität - über eine „Seele" - verfügt und somit Menschen persönliche und soziale Beziehungen mit „Naturwesen" eingehen können.
Der Animismus beruht demzufolge auf einer sozialen Kontinuität zwischen Natur und Kultur: In diesem Prozess werden den natürlichen Phänomenen menschliche Attribute zugeschrieben. Dieselben Kategorien, die das menschliche Leben organisieren, prägen auch die Beziehungen zwischen Mensch und Natur. Das Verhältnis des Menschen zur Umwelt stellt sich bei Descola daher als ein Feld sozialer Beziehungen und sozialer Praktiken dar (Descola 1992, 1996). |