Die berühmte Bilderchronik des peruanischen Autors Felipe Guaman Poma de Ayala "El Primer Corónica y Buen Gobierno"(1615) nimmt aus mehreren Gründen eine Sonderstellung im Rahmen der kolonialen Berichterstattung und Ethnographie ein.
- Hinsichtlich der formalen Gestaltung: Oft als Frühform des Comic bezeichnet, bildet die Chronik keinen konventionellen Text mit Illustrationen (wie etwa die "Wahrhafte Historia" von Hans Staden), sondern stellt vielmehr eine integrierte Form von Bilderserien mit Prosatextdar. Damit ist sie am "Schnittpunkt zwischen Oralkultur und Schriftkultur angesiedelt" und vermittelt einen guten Eindruck in narrative Transkulturationsprozesse, also in den Zusammenhang zwischen Erzählung und kultureller Veränderung (Adorno 1989:1).
- Hinsichtlich der Absicht ihres Verfassers: "El Primer Corónica y Buen Gobierno" ist ein langer Protestbrief and den spanischen König - oder anderes ausgedrückt - eine Eingabe, in der ihm die Missstände in seinem Kolonialreich zur Kenntnis gebracht werden sollen. Sie hat den König nie erreicht. Die Chronik blieb 300 Jahre verschollen und wurde erst im 19.Jh. "entdeckt". Die Primer Corónica gehört zur kritischen kolonialen Berichterstattung, die einen kleinen Teil der relaciones ausmacht, und steht in einigen Aspekten in der Tradition der Schriften von Bartolomé de Las Casas.
- Hinsichtlich ihrer "kulturellen Identität": Die Primer Corónica stammt aus indianischer Feder und der Autor richtet sich an mindestens zwei Gruppen von Lesern: die europäische Offizialität auf der einen Seite und - so hoffte er - Indianer, die des Lesens und Schreibens kundig waren, auf der anderen Seite. Die Chronik bringt zum einen den indianischen Standpunkt bzw. die Perspektive der Eroberten zum Ausdruck und wird heute von der indianistischen Bewegung im Andenraum als wichtiges Zeugnis kultureller und politischer Expressivität betrachtet (vgl. Kowii 2003). Sie ist aber gleichzeitig ein Produkt von Prozessen der Transkulturation und Hybridisierung. Dies zeigt sich sowohl im Inhalt der Primer Corónica, als auch in bezug auf die Form seiner Vermittlung (Adorno 1986, 1989). In diesem Sinne stellt sie auch einen wichtigen Baustein in der Genese gegenwärtiger indianischer Identität dar.
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