Das Buch Stadens ist in zwei Teile gegliedert: Der längere erste Teil schildert seine Erlebnisse und Erfahrungen vor dem Hintergrund der Dynamik der colonial frontier und der Lebenswelt der Tupinampá. In diesem Teil kommen aber auch die anderen Akteure als handelnde und fühlende Subjekte zu Wort. Er beschreibt nicht nur die Ereignisse, sondern auch seine persönlichen Empfindungen - seine Angst vor dem "gefressen werden", seine Verzweiflung nach misslungenen Fluchtversuchen. Breiten Raum nimmt auch sein Glauben ein: Gebete und ein ausführlicher Dialog mit Gott über die verzweifelte Lage Stadens begleiten den Leser:
"Werter Leser, ich habe meine Schiffs-und Landreise so kurz beschrieben, weil ich nur deren Anfang, nämlich wie ich in die Gewalt der wilden Völker geraten bin, erzählen wollte, um damit zu zeigen, wie der Helfer in der Not, unser Herr und Gott, mich, ohne daß ich es hoffen konnte, mit seiner Macht aus der Gewalt der Wilden befreit hat." (Staden 1557/1988:274)
Der zweite Teil seines Werkes, der Wahrhaftige kurze Bericht aller Gebräuche und Sitten der Tupinampás, wie ich sie während der Zeit meiner Gefangenschaft bei ihnen erfahren habe, ist in einem wissenschaftlich beschreibenden Stil gehalten.
Er beginnt mit einer kurzen geographischen Einführung und widmet sich dann in erster Linie der Ethnographie der Tupinampá. Er behandelt verschiedene Bereiche der materiellen Kultur (etwa die Hängematten oder die Töpferei) sowie Aspekte des sozialen und rituellen Lebens. In Vergleich zum ersten Teil wirkt hier die Beschreibung distanziert und objektiviert, Staden ist jetzt ganz Beobachter, die Teilnahme tritt in den Hintergrund (zur Feldforschung vgl. auch Koch-Grünberg und Lévi-Strauss).
Besonders deutlich wird diese Diskrepanz in bezug auf die Kriegsrituale und den Kannibalismus. Staden hat diese Themen bereits in seinem Erlebnisbericht aus der Perspektive des Betroffenen geschildert, im ethnographischen Teil werden sie noch einmal systematisch darlegt. Hier kommt er nicht mehr als Subjekt zu Wort, er bewertet den Vorgang auch nicht, sondern beschreibt minutiös und emotionslos die einzelne Schritte der rituellen Tötung und des rituellen Verzehrs von gefangenen Feinden. |