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Kultur- und Sozialanthropologie Lateinamerikas
Eine Einführung
Univ. Doz. Dr. Elke Mader
Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie
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 up 1 Chronisten und Missionare
 up 1.7 Sind Indianer Menschen?

1.7.8 Die Bestimmung des Anderen und der koloniale Blick

Die "Neue Welt" war für die Menschen der frühen Neuzeit das "Fremde par excellence", wobei ihren BewohnerInnen meist eine grundlegende Andersartigkeit zugeschrieben wurde. Sie wurden entweder als naive, unschuldige Bewohner eines Paradieses betrachtet, die eine natürliche Neigung zum Guten und somit zum Christentum hatten. Dieses Menschenbild bildete die Grundlage für eine protektionistische Haltung, die - beginnend mit Bartolomé de las Casas - vor allem von verschiedenen Missionaren, u.a. auch von den Jesuiten eingenommen wurde.

Sie gewährte den Indianern zwar Schutz vor Versklavung und Ausrottung, sprach ihnen jedoch meist eigenständiges Handeln und eigene andere Wertvorstellungen ab. Sie dienten vielmehr als Projektionsfläche für die Wunschvorstellungen von Europäern vom Richtigen und Guten Leben. Diese Vorstellungen wurden im Lauf der Jahrhunderte in verschiedenen Formen des Konzepts vom „Edlen Wilden" immer wieder neu gestaltet. Sie bilden bis heute ein gängiges Schema der Wahrnehmung indianischer Kulturen - etwa in Zusammenhang mit der Ökologiebewegung und anderen NGO`s.

Die Kehrseite der Idealisierung des Anderen ist seine Dämonisierung, die ihn an den Rand der Welt drängt und in die Wildnis verbannt. Das Wilde ist der Ort des bedrohlichen Anderen, der nur durch Ausgrenzung, Unterwerfung oder Ausrottung kontrolliert werden kann. Die Kontrolle über die Anderen ist u.a. deshalb von großer Bedeutung, da dem Wilden auch besondere Kräfte zugeschrieben werden, und die Wildnis auch oft als Ort unermesslicher Schätze bzw. Ressourcen betrachtet wird.

Die Konstruktion des Edlen Wilden unterscheidet sich zwar in einigen Punkten grundsätzlich von der abwertenden Haltung, hat aber auch einiges mit ihr gemeinsam (u.a. die Assoziation mit der Natur). Sie bildet ebenfalls eine Form des „othering", der Konstruktion von Andersartigkeit. Sie geht mit dem Paradox der gleichzeitigen Gleichsetzung des Anderen mit den eigenen Werten einher, und ist oft mit einer Kritik an der eigenen Gesellschaft verbunden. In beiden Fällen handelt es sich um Gegenbilder zur eigenen Gesellschaft, in einem Fall um utopische Wunschvorstellungen, im anderen Fall um Projektionen des Bösen und Bedrohlichen. Beide Haltungen verhindern, den Anderen in seiner Differenz wahrzunehmen und dabei als gleichwertig zu akzeptieren.

Das Bild der Indianer, das die meisten Chroniken reflektieren und das bis heute oft den Alltag und die Machtverhältnisse in Lateinamerika prägt, ist ein Konglomerat verschiedener Facetten dieser Diskurse. Die rechtliche, soziale, politische und kulturelle Position der indianischen Gemeinschaften bleibt bis heute prekär.Erst in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts findet etwa die Existenz indianischer Kulturen Eingang in einige Verfassungen lateinamerikanischer Staaten (z.B. Kolumbien und Ecuador).

Diese Wertzuschreibungen prägen nicht nur Politik und Ideologie der Kolonialzeit sondern kennzeichnen auch den ethnographischen Diskurs und zwar bis in das 20 Jahrhundert. So stehen zum einen viele ethnographische Berichte in einer direkten Tradition des kolonialen Blicks und zeichnen Bilder indianischer Kulturen, die von Vorstellungen des Edlen oder des „Grauslichen" Wilden inspiriert sind. Eine wichtige Aufgabe der Kultur- und Sozialanthropologie, vor allem auch der Ethnographie, also der Beschreibung anderer Kulturen, besteht jedoch in einer Dekonstruktion solcher Bilder. Sie soll eine differenzierte Darstellung des Anderen liefern - eine Aufgabe, die auch von einem großen Teil der WissenschafterInnen wahrgenommen wurde und wird.

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