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Kultur- und Sozialanthropologie Lateinamerikas
Eine Einführung
Univ. Doz. Dr. Elke Mader
Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie
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 up 1.4 Hans Staden bei den "Menschenfresser-Leuten"

1.4.6 Krieger und Kannibalen

Zwei Krieger

"Von allen Seiten werden sie [die Tupinampá] von Feinden bedrängt. Im Norden grenzt ihr Gebiet an das der feindlichen Guaiatacas; ihre Feinde im Süden sind die Tupiniquins und landeinwärts die Carajás. Ganz in ihrer Nähe leben die Guaianas im Gebirge, und dazwischen wohnt noch ein anderer Stamm, die Maracaias, von dem sie arg verfolgt werden. Alle genannten Stämme führen untereinander Krieg, und alle essen ihre gefangenen Feinde." (Staden 1557/1988:216)

Die Darstellung des Kannibalismus nimmt bei Staden (verständlicherweise in Anbetracht seiner Lage) großen Raum ein. Diese Rituale nehmen im kulturellen Gefüge der Tupinampá wahrscheinlich weniger Raum ein, als aus der Historia hervorgeht. Es ist jedoch nicht anzunehmen, dass Staden sie zur gruseligen Unterhaltung der Europäer frei erfunden hat, dass sie also nur als ein Produkt der kolonialen Phantasie zu betrachten sind. Dazu sind seine Beschreibungen zu detailliert und weisen auch zu viele Parallelen mit Kriegsritualen anderer indianischer Kulturen auf (z.B. Menschenopfer bei den Azteken oder Kopfjagd bei den Shuar).

Kannibalsimus bildet aber auch einen wichtigen Bestandteil europäischer und indianischer Mythen und ist ein zentrales Versatzstück im europäischen Bild des Wilden.

Tanz

Krieg und Gewalt gehören zum kulturellen Inventar vieler indianischer Gemeinschaften. Ihre spezifischen Ausformungen (z.B. Menschenopfer, Kannibalismus), die Verbindungen mit dem sozialen Gefüge, Wertsystem, Religion und Ritual unterscheiden sich in einigen Punkten von der europäischen Kultur der Gewalt jener Zeit (Töten am Schlachtfeld, Massaker, Folter, Autodafé). Es kann nicht behauptet werden, dass indianische Kulturen generell besonders gewalttätig oder besonders friedfertig waren bzw. sind. Es zeigt sich vielmehr ein breites Spektrum von religiösen und sozialen Kontexten, in denen Gewalt oder Gewaltlosigkeit eine besondere Rolle spielt.

Bei den Tupinampá spielte der Krieg, d.h. gewaltsame Auseinandersetzungen im Rahmen von Fehde und Blutrache, eine wichtige Rolle im sozialen und politischen Gefüge. Erfolg als Krieger trug sehr viel zum Status eines Mannes bei, sie machten Gefangene und töteten sie später rituell "um sich einen Namen zu machen" - wie Staden es ausdrückt.

Der Kannibalismus steht in enger Beziehung zum Konzept von Person und Macht: Der Feind soll nicht nur physisch getötet werden, vor allem soll seine spirituelle Macht oder seine Seele rituell auf die Sieger übertragen werden. Das Konzept einer "spirituellen Kriegsführung", das im jeweiligen Weltbild und dem Verständnis der Person in einer Kultur verankert ist, existiert bis heute in einigen indianischen Gesellschaften.

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