Die Kultur-und Sozialanthropologie Lateinamerikas beginnt mit dem Bordbuch von Columbus. Es enthält die ersten Beschreibungen der Eingeborenen und ihrer Lebenswelt (Ethnographie) und Reflexionen über ihr Wesen und ihre Kultur (Kulturtheorie). Letztere definiert u.a. die Konzeption des Verhältnisses zwischen dem Eigenen und dem Fremden, das den konkreten Umgang mit den Anderen maßgeblich beeinflusst.
Die Texte von Kolumbus zu Amerika und seinen Bewohnern reflektieren zum einen mythische Bilder vom Anderen, die Wilden sind sanfte und unschuldige Wesen in einem Paradies. Durch diese Zuschreibungen wird ihnen eine bestimmte Rolle im koloniale Projekt zugedacht. Sie werden als willfährige Untertanen definiert, die widerstandslos sich, ihr Land und ihre Ressourcen den Eroberern überlassen (vgl. auch Moebus 1982, Todorow 1985: 47-66).
"Meinen Matrosen gefällt es hier. Nahrung bringen ihnen die Indianer, das Meer ist voll von Fischen, auf den Bäumen hängen herrliche Früchte, nach welchen man nur zu greifen braucht. Viele sprechen schon davon, daß sie nicht mehr zurückkehren wollen, das sind vor allem jene, die herausgefunden haben, das man auch nach den Indianermädchen nur zu greifen braucht." Columbus, Bordbuch, 27.Dezember 1492 (1970:120)
Die "Neue Welt" wird hier als paradiesisches Schlaraffenland darstellt, dessen EinwohnerInnen sich der europäischen Imagination entsprechend verhalten. Sobald die Einheimischen (später) Widerstand leisten, verlieren sie ihre Unschuld und werden zu sündigen, dämonischen Heiden und Kannibalen, die bekämpft und unterworfen werden müssen. Diese beiden Konzepte von den Anderen prägen in der Folge den kolonialen Blick und den Diskurs über die "Neue Welt".
Kolumbus hat nicht zum Ziel, Amerika zu entdecken oder zu erforschen: Er ist - auf der (falsch berechneten) Westroute nach Asien - im Auftrag von Ferdinand und Isabella von Spanien unterwegs, die sein Projekt aus zwei Gründen bewilligt und finanziert haben: Sein Auftrag lautet, Reichtum (Gold, Gewürze und andere Kostbarkeiten) für die spanische Krone zu requirieren und den christlichen Glauben zu verbreiten. Seine Ausbeute an Gold ist gering, doch bringt er neue Christen nach Spanien mit: Von allen Inseln verschleppt er einige Personen, die Gebete und Kirchenlieder zu lernen haben, um sie in Spanien dem Königshaus vorzutragen - was die wenigen Überlebenden auch tun. |