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Kultur- und Sozialanthropologie Lateinamerikas
Eine Einführung
Univ. Doz. Dr. Elke Mader
Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie
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 up 2 Frühe Ethnographen (1880 - 1940)
 up 2.3 Martin Gusinde

2.3.1 "Urkultur" in Feuerland

Pater Martin Gusinde gehörte derkatholischen Ordensgemeinschaft „Societas Verbi Divini" (Gesellschaft des Göttlichen Wortes) (S.V.D.) an, die sich vor allem der Mission widmet. Sie wurde 1875 in Holland gegründet und stellte einen reformistischen Missionsorden dar, der die Kultur der Konvertiten zu respektieren trachtet. Nichts desto trotz steht klarerweise die Katholische Lehre im Zentrum des Wirkens der Ordensmitglieder.

Viele Ordensmitglieder studierten Ethnologie und hatten (besonders in Wien) großen Einfluß auf das Fach. So etwa Pater Wilhelm Schmidt, der - gemeinsam mit P.W. Koppers - die sogenannte „Wiener Schule" prägte. Zu seinen bekanntesten theoretischen Entwürfen zählt die „Kulturkreislehre" (ein Modell kultureller Evolution und der Verbreitung von Kulturelementen).

In diesem Zusammenhang entstanden auch die Thesen über eine Urkultur, deren Charakteristika starke Entsprechungen mit den Prinzipien der christlichen Glaubenslehren aufweisen: Zu ihren wesentlichen Merkmalen zählen z.B. die Monogamie und der Monotheismus (Hochgottglauben). Ethnographische Forschungen im Rahmen der „Wiener Schule" konzentrierten sich auf jene „Naturvölker", welche als survivals, als lebendige Überreste der Urkultur galten.

Dazu zählen vor allem Jäger und Sammler-Gesellschaften, wie etwa Buschmänner, Pygmäen, die Semang in Südoatasien und die Feuerland-Indianer. Feldforschungen bei diesen Kulturen hatten u.a. zum Ziel, die Thesen der „Wiener Schule" zu überprüfen bzw. zu beweisen ( z.B. Gusinde 1930).

P. Martin Gusinde ist Vertreter der „Missionsethnographie" in Lateinamerika und kann im weiteren Sinn als wissenschaftlicher Nachfahre der kirchlichen Chronisten und der (österreichischen) Jesuiten betrachtet werden. Er wird im Auftrag der S.V.D. nach Chile entsandt und wirkt dort viel Jahre als Lehrer. Sein Interesse für ethnologische Fragen und für die Kultur der Feuerlandindianer ist zunächst ein „Hobby", später wird es in den Kontext der „Urkulturforschung" von P.W. Schmidt gestellt. Seine formale ethnologische Ausbildung erfolgt relativ spät, erst nach seinen Forschungsreisen.

Gusinde steht in einem ambivalenten Verhältnis zu anderen Vertretern der „Wiener Schule", etwa zu P.W. Koppers. Er begleitete Gusinde auf einer Forschungsreise in Chile publiziert in der Folge dessen Forschungsergebnisse in seinem eigenen Namen. Auch das Verhältnis zwischen Gusinde und P.W. Schmidt, der in den 30er Jahren des 20.Jahrhunderts seine Habilitation in Wien verhindert, ist gespannt.

Die Ergebnisse seiner Forschungen in Feuerland stützen die Theorien der „Wiener Schule" nur punktuell und erfreuen sich deshalb keiner besonders freundlichen Rezeption. Wissenschaftliche Anerkennung erfährt Gusinde primär auf internationalen Kongressen und in den USA, wo seine Ethnographien von den maßgeblichen Anthropologen Robert Lowie und Alfred Kroeber sehr hochgeschätzt wurden (Bornemann 1970).

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