Santiago, der Heilige der Eroberung. Aus der Bilderchronik des Guamán Poma de Ayala
Die Geschichte der Ethnographie sowie der Kultur-und Sozialanthropologie in Lateinamerika beginnt mit den ersten Berichten (Relaciones) von Conquistadoren, Chronisten und Missionaren über Land und Leute. Diese Frühformen ethnographischen Schreibens und ihre Kulturtheorien sind zwar keine wissenschaftlichen Texte im Sinne der modernen Kultur- und Sozialwissenschaften als akademische Disziplinen, die sich im 19. Jahrhunderts konstituierten. Sie stellen jedoch eine wichtige Form der Auseinandersetzung mit anderen Kulturen dar und haben die Entstehung dieser Wissenschaften wesentlich mitgestaltet.
Die Chroniken und Berichte entstanden im Zuge von Kontakt und Konfrontation der Europäer mit den Bewohnern der „Neuen Welt", sie bilden eine Facette der „bei weitem erstaunlichsten Begegnung unserer Geschichte" (Todorow 1985:12). Sie stellen einen wichtigen Aspekt der Auseinandersetzung mit dem bzw. den Anderen dar und reflektieren verschiedene Perspektiven der Konzeption von Mensch, Natur und Kultur sowie von der Bewertung des Fremden in ihrer Zeit (vgl. dazu u.a. Kohl 1982, Todorow 1985).
Der soziale und politische Kontext, in dem die frühen ethnographischen Texte entstanden, ist die gewaltsame Eroberung von Mittel- und Südamerika und das Implementieren des kolonialen Systems in Lateinamerika. Die meisten ethnologischen Texte vom 15. bis zum 19. Jahrhundert stehen direkt oder indirekt in bezug zu diesem sozio-politischen System, sie stehen entweder in seinem Dienst oder richten sich dagegen (vgl. u.a. Scharlau 1982). Dies betrifft vor allem das Verhältnis von Herrschenden und Beherrschtenund bezieht sich zum Großteil auf die Beziehungen zwischen den Kolonialherren und den indianischen Gesellschaften.
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