Die Geschichte des schamanischen Handlungsraums in Lateinamerika seit der Conquista ist von bestimmten Machtverhältnissen gekennzeichnet. So reflektiert, wie Taussig zeigt, der schamanische Handlungsraumd ein Kaleidoskop der ideologischen und historischen Interaktionen verschiedener Kulturen und sozialer Gruppierungen (Taussig 1980, 1987).
Die spanische Kolonialherrschaft etablierte eine Dichotomisierung zwischen dominanten, europäischen Traditionen und jenen der indigenen Völker. Diese stellen bis heute eine sogenannte "kleine" Tradition dar, die in einigen Bereichen in Widerspruch zur offiziellen Ideologie der Nationalstaaten steht. Seit der Conquista sind die indianischen Religionen und ihre Akteure verschiedenen Formen der Unterdrückung ausgesetzt und werden bis heute von vielen Vertretern der christlichen Kirchen als heidnische Praktiken abgewertet und verteufelt.
Im Lauf der Geschichte wurden sie phasenweise systematisch verfolgt, etwa im Rahmen der inquisitionsartigen „Kampagnen zur Ausrottung der Götzenanbeterei" im 18. Jahrhundert. Immer wieder waren SchamanInnen gezwungen, im Geheimen oder unter christlichen Vorzeichen zu agieren, bestenfalls wurden sie in entlegenen Gegenden ignoriert.
Der Antagonismus zwischen christlichen Kirchen und Schamanismus ist zwar heute gemildert, besteht aber in vielen Bereichen weiter. Trotz dieser schwierigen Rahmenbedingungen spielen SchamanInnen und andere traditionelle religiöse SpezialistInnen bis heute einen wichtige Rolle (in indianischen Gemeinschaften). |