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Kultur- und Sozialanthropologie Lateinamerikas
Eine Einführung
Univ. Doz. Dr. Elke Mader
Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie
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 up 7 Kultur und Globalisierung
 up 7.1 Kultur, Raum und Macht

7.1.1 Der "neue" Kulturbegriff

Im anthropologischen Diskurs rund um Kultur, Raum, Macht und Globalisierung kommt der Diskussion des Kulturbegriffs und seiner Implikationen großer Stellenwert zu.

Dabei fordern viele AutorInnen eine Dekonstruktion des Kulturbegriffs der amerikanischen cultural anthropology, der einmalige und voneinander getrennte kulturelle Einheiten, die an bestimmten Orten lokalisiert sind, postuliert.Ein solcher Kulturbegriff kommt zum Teil im Rahmen des Konzepts der Kulturregionen (culture area approach) und der sozio-linguistischen Gruppen von Julian Steward zum Ausdruck.

Einige AnthropologInnen argumentieren, dieses Konzept diene lediglich dazu, Ordnung in eine ansonsten ungeordnete Welt zu bringen. Es etabliert den Rahmen für ein bestimmtes Verständnis von kultureller Differenz und kann auch eine Form des "othering" (dem Betonen der Fremdartigkeit des/der Anderen) darstellen. Die WissenschafterInnen, die dieses Konzept von Kultur verwenden, woll(t)en in erster Linie von Kulturen von innen heraus, von einem lokalen Blickwinkel aus verstehen. Danach können diese "Mosaiksteinchen" einer allgemeineren vergleichenden Analyse unterzogen werden, die wiederum einen Blick von außen auf die jeweilige Kultur wirft (Hastrup und Fog Olwig 1997: 1-3).

Dem gegenüber steht die Forderung nach einem"neuen" Verständnis von Kultur, das sowohl den Verflechtungen als auch der Deterritorialisierung von Kultur Rechnung trägt. In diesem Zusammenhang wird argumentiert, dass die Menschen heute nicht getrennten kulturellen und räumlichen Einheiten angehören, sondern vielmehr Teil einer vernetzten globalen Ökumene bilden. Eine klare Unterscheidung von Innen und Außen ist unter diesem Gegebenheiten nicht möglich. Anstelle von Kulturen, die in bestimmten Landschaften und Räumen lokalisiert sind, tritt uns heute eine transnationale Kultur von Tönen und Bildern entgegen (vgl. u.a. Gupta und Ferguson 1997, Hauser-Schäublin und Braukämper 2002, Hastrup und Fog Olwig 1997).

In bezug auf Lateinamerika handelt es sich dabei keineswegs um eine Neuheit. Viele VertreterInnen der Kultur- und Sozialanthropologie beschäftigen sich in bezug auf diesen Großraum seit langem intensiv mit Interaktionen und Verflechtungen (vgl. z.B. Murphy 1960, Wolf 1956)

Die beiden Betrachtungsweisen von Kultur schließen sich nicht zwangsläufig gegenseitig aus, sondern können auch als zwei Konzepte gedacht werden, die einander ergänzen. Sie sprechen unterschiedliche Dimensionen der Beziehungen von Raum, Kultur und Macht an, die in verschiedenen Zusammenhängen und Situationen wirksam werden und auch immer wieder anders instrumentalisiert werden können. Beide Kulturkonzepte sind erforderlich, um die komplexen Prozesse von Verwurzelung und Bewegung, Verflechtung und Abgrenzung zu analysieren, die das Miteinander verschiedener Personen, Gruppen und Ideen prägen.

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