Verehrung der Bergötter in den Anden. Aus der Bilderchronik des Guamán Poma de Ayala.
Naturkonzeptionen sind in Weltbildern verankert
. Weltbilder sind kollektive Bedeutungssysteme und wirken auf Denken und Handeln der Menschen ein: Sie umfassen Kosmologie und Menschenbild, sie schreiben etwa die Stellung des Menschen in der Welt fest und definieren seine Beziehung zur Natur.
So gehen viele Kulturen von einer starken Verschränkung verschiedener Dimension der Welt aus: Natur, Mensch, Gesellschaft und das Wirken des "Übernatürlichen" werden als Teile eines ganzheitlichen Gefüges begriffen. Sie sind eng miteinander verbunden und aufeinander wirken ein (vgl. u.a. Descola und Palson 1996, Gingrich und Mader 2002, Halbmayer und Mader 2004).
Indianische Weltbilder verfügen über einige grundlegende Gemeinsamkeiten:
- Das bezieht sich zum einen auf Form und Ordnung des Kosmos, der als ein vielschichtiger Weltenraum verstanden wird, dessen Ebenen oder Zonen von unterschiedlichen Wesenheiten bevölkert werden.
- Landschaft wird oft als Ergebnis der Handlungen von göttlichen Wesen angesehen. Viele Mythen erzählen, wie einzelne Orte durch mythische Ereignisse geformt oder erschaffen wurden. Bestimmte Plätze (z.B. Flüsse, Felsen) sind auch Wohnstätten von Geistwesen, die als ihre die Besitzer gelten (vgl.z.B. Santos Granero 2004, Polia Meconi 1996).
- Mythische Landschaften (mythscapes) stehen oft in einem engen Zusammenhang mit situierten Alltagspraktiken. Bei den Piaroa konstituieren diese Alltagspraktiken (z.B. Jagen, Kochen, Pflanzen) jeweils eigene, multiple Welten. Eine Analyse der Schöpfungsmythen zeigt die Entstehung der Kunst der kulinarischen Fertigkeiten (Feuer, Kochen, Pflanzen, Jagd, Fischfang, Hexerei) und ihren ambivalenten Charakter in einer grotesken mythischen Komödie zwischen den Heroen Kuemoi and Wahari und deren frevelhaftem Übermut (vgl. Overing 2004, Overing and Passes 2000).
- Die Bewohner des Kosmos weisen alle spirituelle Qualitäten auf: Das gilt für Tiere, Pflanzen, Menschen, göttliche Gestalten, Kulturheroen und Geister.
- Durch die Interaktionen der Menschen mit verschiedenen machtvollen Wesen wurde in der mythischen Zeit die Natur sowie die menschliche Gesellschaft aus einem bestehenden Kosmos geformt. Einige von ihnen agierten als Kulturheroen, die den Menschen Wissen brachten, und werden in der Gegenwart als Herrn oder Herrinnen bestimmter Kräfte, Kenntnisse und Tätigkeiten verehrt und beschworen.
- Die spirituellen Qualitäten von Landschaften werden auch im Rahmen des Tourismus neu interpretiert und kommerziell genutzt, z.B. in Vilcabamba, Peru.
- Indianische Kosmologien unterscheiden meist zwei verschiedene Dimensionen, Sichtbares und Unsichtbares (Matteson Langdon 1992:13) oder eine Alltagswelt und eine „andere Welt" (Perrin 1995: 2-8). Die andere, im normalen Wachbewusstsein unsichtbare Welt wird meist als bestimmend für Zustände und Ereignisse in der sichtbaren Welt erachtet. Sie ist jene Dimension, in der die spirituellen Kräfte, Götter und Geister dominieren, hier liegt auch oft das Reich der Toten.
- Die Unterscheidung zwischen unterschiedlichen Dimensionen der Welt mit besonderen Qualitäten stellt aber keine kategorische Trennung dar. Indianische Weltbilder sind vielmehr generell als synthetisch zu bezeichnen, sie konzipieren die kosmische Ordnung als ein Beziehungsgefüge, das von einer "ontologischen Triade" bestimmt wird, die Natur, menschliche Gesellschaft und Spirituelles umfasst (Viveiros de Castro 1992:29).
- Die verschiedenen Dimensionen der Welt sind durch ein Netzwerk von Beziehungen verbunden: Dieses stellt symbolische und aktive Verbindungen zwischen den einzelnen Komponenten her und bildet die Grundlage für ein dynamisches Prinzip von Wechselwirkungen. Die Verflechtungen bilden auch den Rahmen für den Umgang mit Körper, Denken und Fühlen und somit die Grundlage für das Menschenbild in diesen Kulturen.
|