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Kultur- und Sozialanthropologie Lateinamerikas
Eine Einführung
Univ. Doz. Dr. Elke Mader
Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie
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 up 4 Mensch, Natur, Weltbild
 up 4.1 (Kultur)Ökologie und Gesellschaft im Amazonasgebiet

4.1.4 Boden vs. Eiweiß: Die Kontroverse um den limiting factor im Amazonasraum

Megger`s Hypothese der beschränkten Ressourcen wurde von mehreren WissenschafterInnen angezweifelt (z.B. Brush 1975, Gross 1975, Ross1978, Siskind 1973; Carneiro 1961, 1970; Lathrap 1970, 1973). Während sie davon ausging, dass die geringe Bodenfruchtbarkeit der tropischen Wälder das ausschlaggebende Element für die spezifische Ausformung der Regenwaldkulturen sei, vertraten andere AutorInnen die These, dass vielmehr der Mangel an tierischem Eiweiß (Fisch, Wild) den eigentlichen beschränkenden Faktor bilde.

Nach der Tapirjagd, Curintsa, Ekuador

Robert Carneiro lehnte die These des begrenzten landwirtschaftlichen Potentials als limiting factor generell ab: Er ging vielmehr davon aus, dass es nur dort zu einer stärkeren sozio-politischen Integration (also zum Herausbilden zentraler politischer Instanzen und einer Stratifizierung der Gesellschaft) kommt, wo eine begrenzte Menge von fruchtbarem bzw. verbesserbarem Boden zur Verfügung steht.

Kulturelle Entwicklung ist laut Carneiro an eine Intensivierung der Landwirtschaft gekoppelt: Solche Gegebenheiten treten ein, wenn die Menge des nutzbaren Bodens beschränkt ist. Im Kampf um die optimale Nutzung und die Kontrolle solcher Landstriche entwickelten sich seiner Ansicht nach staatliche Gesellschaften (Carneiro 1970). Dieses Modell war zwar für einige Regionen schlüssig, konnte aber seinen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit nicht aufrechterhalten. So gibt es etliche Beispiele, u.a. die Kultur der Maya in Regenwaldgebieten Mittelamerikas, die dieser These widersprechen

Donald Lathrap entwickelte ein Modell (open system ecology), das Methoden der Kulturökologie mit jenen des historischen Partikularismus (Boas) und der Archäologie kombinierte (Lathrap 1970, 1973). Er betonte dabei, dass die Kulturentwicklung in einer bestimmten Region nicht durch universelle Entwicklungsschemata zu erklären sei, sondern vielmehr das Produkt spezifischer ökologischer und historischer Faktoren darstellt. Dieses Modell wandte er auf das Verhältnis von Varzea und Tierra Firme sowie auf die altamerikanischen Kulturen des oberen Amazonas an.

Generell führte die Kontroverse um das Verhältnis von kulturellen Phänomenen und ökologischen Gegebenheiten zu der Erkenntnis, dass es unmöglich ist, einen Faktor zu isolieren, der ausschlaggebend für die landwirtschaftliche und kulturelle Entwicklung im Amazonasgebiet (und anderswo) ist. Es handelt sich vielmehr um komplexe Interaktionen, die verschiedene ökologische, soziale,historische und ideelle Komponenten aufweisen (vgl. auch Wilson 1999).

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