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Kultur- und Sozialanthropologie Lateinamerikas
Eine Einführung
Univ. Doz. Dr. Elke Mader
Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie
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 up 3 Große Theorien (1940-1970)
 up 3.3 Strukturale Anthropologie in Traurigen Tropen: Claude Lévi-Strauss in Lateinamerika

3.3.3 Traurige Tropen: Lévi-Strauss auf Feldforschung

Soll ich, der ergraute Vorläufer all derer, die sich heute im Busch herumtreiben, denn der einzige bleiben, der nur Asche in seinen Händen mitgebracht hat? Ist meine Stimme die einzige, die vom Scheitern der Flucht Zeugnis gibt?" (Lévi-Strauss 1989/1955: 35)

Der wissenschaftliche Reisebericht von Claude Lévi-Strauss stellt einen der Bestseller ethnologischen Schreibens dar. Dieser Umstand soll nicht zur Annahme verleiten, hier werden Erfahrungen von besonders gut gelungenen Feldforschungen berichtet: Im Gegenteil, das Buch ist voll von Lamentationen verschiedener Art und erzählt eine Geschichte voll von Zweifeln, Enttäuschungen und Scheitern.

Das Buch entstand zu einer Zeit, als Lévi-Strauss in keiner akademischen Position verankert war und sich für einige Zeit enttäuscht von der universitären Welt abwandte. „Enttäuschung" - so schreibt Michael Kraus - ist zugleich eine der zentralen Kategorien dieses berühmt gewordenen Reiseberichts. Liest man Traurige Tropen hinsichtlich der darin vorgetragenen Felderfahrungen und impliziten Forschungserwartungen, so fällt eines permanent ins Auge: Was auch immer in dem Buch passiert, Lévi-Strauss ist enttäuscht (Kraus 2000:66).

Diese Enttäuschung kommt auf mehreren Ebenen zum Ausdruck: Zu Beginn seiner Reise ist Lévi-Strauss von der Philosophie enttäuscht, die er nach eigenem Bekunden ohnehin nur aus Abneigung gegen andere Fächer studiert hat, deswegen wendet er sich der Ethnologie und der Feldforschung zu. Am Ende wendet er sich auch davon wieder ab, und zwar mit den Worten: „Lebt wohl Wilde! Lebt wohl, Reisen!"

Enttäuscht ist er von seinen Feldforschungen, vor allem von den indianischen Gemeinschaften, die sich seiner Ansicht nach in einem Zustand kulturellen Verfalls befinden („... zu meiner großen Enttäuschung [sind es] keine `wirklichen Indianer´ und noch viel weniger `Wilde´ ...") (Lévi-Strauss 1989/1955: 144, Kraus 2000: 66).

Das wundert wenig, wenn man in Betracht zieht, dass seine „Feldlektüre" oft die Reiseberichte von Jean de Léry aus dem 16.Jahrhundert waren, auf die er immer wieder bezug nimmt und mit denen er das Vorgefundene vergleicht. Nur zu leicht kommt er zu dem enttäuschten Schluß, dass „... das wesentliche für immer verloren ist".

Permanent auf der Suche nach unberührten, ursprünglichen Kulturen reist er unter großen Strapazen mehrmals in den Mato Grosso und in das Amazonasgebiet. Dabei sammelt er durchaus interessante empirische Daten von verschiedenen indianischen Gruppen, die später immer wieder in sein Werk einfließen. Seine Enttäuschung bleibt jedoch immer latent vorhanden oder tritt schnell nach einer freudigen Phase wieder ein:

Auf einer seiner Forschungreisen hört Lévi-Strauss von einer Indianergruppe, die bislang noch nicht kontaktiert worden war. Es handelt sich dabei um die Tupi-Kawahib, Nachfahren jener Tupi-Gruppen, welche von den französischen Handelsreisenden und Chronisten (und von Hans Staden) im 16.Jahrhundert beschrieben worden waren. Doch auch diese potentielle Begegnung wird zur Enttäuschung: „Während der Ethnologe durch den dichten Urwald zu den Indianern irrt, sind die Indianer auf dem Weg zu Posten von Pimenta Bueno - sie hatten beschlossen, ihr Dorf zu verlassen und sich endgültig der Zivilisation der Weißen anzuschließen." (Kraus 2000:72)

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