Wichtige theoretische Werke in bezug auf die Kultur- und Sozialanthropologie Lateinamerikas entstanden zwischen 1935 und 1970.
Dazu zählen folgende Forschungsrichtungen und Forschungsfelder:
- Die untersuchung der Verbreitung von Kulturen und Kulturmerkmalen und das Erstellen von Kulturregionen (culture areas) in der Tradition der US-amerikanischen cultural anthropology: Diese Theorien stehen auch in Zusammenhang mit Fragen nach der sozialen, ökonomischen und politischen Entwicklung der indianischen Kulturen sowie mit
- Thesen zum Verhältnis von gesellschaftlicher Organisation und natürlicher Umwelt - etwa im Rahmen der Kulturökologie, wie sie von Julian Steward entwickelt wurde (Steward 1948, 1955). In dieser Tradition stehen z.B. auch einige wichtige Arbeiten von John Murra, die sich teils aus kulturökologischer, teils aus substantivistischer Perspektive mit Ökonomie und Gesellschaft des Inkareichs beschäftigen (Murra 1956/1980).
- Die strukturale Anthropologie von Claude Lévi-Strauss setzte wichtige theoretische und methodische Impulse zurAnalyse von Mythen und Weltbildern (Lévi-Strauss 1964/1976, 1966/1972, 1968/1973, 1971/1975) sowie zur Untersuchung von Verwandtschaft und sozialen Strukturen (Lévi-Strauss 1958/1967). Sie hat nachhaltigen Einfluß auf Modelle und Theorien zur Analyse von sozialen und symbolischen Beziehungen (in Lateinamerika).
- In dieser Tradition stehen u.a. viele ForscherInnen, die sich mit Weltbild, Natur und Gesellschaft im Amazonasgebiet beschäftigen, z.B. Peter Riviere 1969, 1993, Steve Hugh Jones ( 1979), Philippe Descola (1992, 1994, 1996) oder Eduardo Viveiros de Castro (1998, 2001).
- Ein wichtiges Forschungsfeld beschäftigt sich mit Fragen der sozialen, politischen und ökonomischen Organisation lateinamerikanischer Gesellschaften. Im Mittelpunkt des Interesses und der Theorienbildung stehen hier verschiedene Formen vonMacht und Herrschaft.
- Diese werden in unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen untersucht: Zum einen im Kontext von tendenziell egalitären Gesellschaftformen, zum anderen im Rahmen von komplexen und stratifiziert (sozial geschichteten) sozialen Gefügen (vgl. z.B. Lowie 1948). Wichtige Impulse in diesem Forschungsfeld kamen von Eric Wolf, dessen Modell zur Analyse komplexer Gesellschaften die Basis für viele Studien zur lateinamerikanischen Gesellschaft bildete (Wolf 1956, 1967).
- Fragen nach Macht und Herrschaft sowie die Analyse von ökonomischen Prozessen wurden wesentlich von substantivistischen und (neo-) marxistischen Modellen in der Kultur - und Sozialanthropologieinspiriert. Sie wurden sowohl von Anthropologen des Nordens (Europa, USA) zur Analyse der sozialen und ökonomischen Verhältnisse in Lateinamerika herangezogen und dabei modifiziert, als auch von Wissenschaftern in Lateinamerika stark rezipiert.
- Andere Ansätze vertreten etwa die Arbeiten von Oscar Lewis zur „Kultur der Armut". Sie bildeten auch eine Grundlage für viele Studien der Stadt-Anthropologie (urban anthropology) (Lewis 1961, 1965/1999).
- Theorien und Modelle zu interkulturellen Prozessen wurden besonders intensiv zwischen 1970 und 1990 bearbeitet. Interkulturalität war schon vor der Conquista ein wichtiges Charakteristikum der gesellschaftlichen Gefüge in Mittel- und Südamerika. Seit 500 Jahren prägt die spezifische Dynamik der kolonialen und quasi- kolonialen Gesellschaft viele Aspekte von interkulturellen Beziehungen, die im Rahmen der komplexen lateinamerikanischen Gesellschaft einen besonderen Stellenwert einnehmen. Diese stehen auch in Zusammenhang mit der
- verstärktenVernetzung von ökonomischen und sozialen Prozessen im transnationalen Raum, die sich heute auch in Form der Globalisierung manifestiert. Wichtige Arbeiten und theoretische Ansätze in diesem Forschungsfeld lieferten u.a. Michael Taussig (1980, 1987), Norman Whitten (1981, 1985), Eric Wolf (1982/86), Sidney Mintz (1985) oder Guillermo Bonfil Batalla (1987, 1990).
Aus derVielfalt der theoretischen Ansätze und Forschungsfelder sollen hier beispielhaft einige wenige zentrale Ansätze genauer behandelt werden. Sie bilden die Basis für viele neuere Forschungen und üben bis heute wesentlichen Einfluß auf die Gestaltung der Forschungslandschaft der Kultur- und Sozialanthropologie in Lateinamerika aus. |